Sprungnavigation Direkt zum Inhalt Direkt zur Hauptnavigation; Direkt zur Servicenavigation; Übersicht zu dieser Seite; Kontakt aufnehmen;

Pressefotos  |  Mitarbeiterlogin  |  Suche  |  Impressum  |  Inhalt  |  Kontakt

Zwischen Sehnsucht und Scheitern

Theaterpredigt zur Inszenierung „Die drei Schwestern“ von Anton Tschechow

(Arne Retzlaff, Landesbühnen Sachsen) Sonntag, 8. Januar 2012, 19.00 Uhr

Dialog weiter unten auf dieser Seite

Hier eine Vorstellung des Stückes

Die Drei Schwestern

von Anton Tschechow

Deutsch von Thomas Brasch

Seit elf Jahren leben die Schwestern Irina, Mascha und Olga mit ihrem Bruder Andrej in einer unbedeutenden Provinzstadt. Ihre ganze Sehnsucht gilt dem schillernden Moskau, wo sie ihre Kindheit verbrachten. Wegen ihres Vaters - ein inzwischen verstorbener Brigadegeneral - waren sie hierher verschlagen worden, die Kleinstadt akzeptierten sie jedoch nie als neue Heimat. Hochgebildet, sind sie nicht fähig, ihre Begabungen sinnstiftend einzusetzen.

Tschechow erzählt mit Virtuosität und großem Einfühlungsvermögen von einer problematischen Glückssuche und führt folgende Charaktere aufs Tableau, die in unserer Inszenierung in Kürze so umrissen werden könnten:

 

Irina,

die jüngste und sehnsuchtsvollste der drei Schwestern, träumt davon, in Moskau ihre große Leidenschaft und ein sinnerfülltes Dasein zu finden. Baron Tusenbach ist ihr ebenso verfallen wie der Zyniker Soljony. Obwohl sie keinen von beiden liebt, stimmt sie resigniert einer Ehe mit Tusenbach zu, was die Preisgabe aller Illusionen und die Aufgabe ihres Lebensanspruchs bedeutet. Allein bricht sie in eine ungewisse Zukunft auf.

Jede Nacht träume ich von Moskau, ich werde bald verrückt! sagt Irina

 

Irina

Mascha,

elegant und kapriziös, wurde schon mit achtzehn die Frau Fjodor Iljitsch Kulygins, den sie wegen seiner vermeintlichen Intelligenz verehrte. Doch inzwischen empfindet sie für ihn nur noch Verachtung und stürzt sich in eine Affäre mit dem verheirateten Oberstleutnant Werschinin. Ihre Sehnsucht nach einem erfüllten Dasein ist weit größer als die ihres Mannes, was zum Scheitern ihrer Ehe führt. Sie sucht einen Menschen, der ihrem Leben Sinn gibt und glaubt, ihn in Werschinin gefunden zu haben. Sie bemerkt nicht, dass ihr Geliebter ihrem Mann vor zehn Jahren gleicht. Als Werschinin sie verlässt, verfällt sie dem Wahnsinn.

Wenn man vom Glück immer nur den Schwanz erwischt und zum Schluss nicht mal mehr den, stumpft man allmählich ab. Hier drinnen braut sich was zusammen, befürchtet Mascha

 

Mascha

Olga,

die älteste Schwester, ist müde und erschöpft von ihrem Beruf als Lehrerin. Die Hoffnung, geliebt zu werden, hat sie längst aufgegeben.

Als die konventionellste von den dreien und finanziell unabhängig, hat sie mehr Halt in sich als ihre Schwestern, für die sie nach wie vor einen Mutterersatz darstellt.

Alles kommt anders, als man es gerne möchte, konstatiert Olga

Olga

Andrej,

ihr Bruder, könnte der Familie mit einer akademischen Karriere ein erneutes Leben in Moskau ermöglichen. Er ist talentiert auf vielen Gebieten, verfügt aber nicht über genügend Energie, um seine Begabungen zu entfalten. Er flüchtet sich in die Heirat mit einer Frau aus dem Ort. Früh enttäuscht von der unglücklichen Ehe und seinem Leben, verfällt er der Spielsucht und verliert dabei das gesamte Erbe. Er erfährt den größten Absturz von allen. Es scheint eine Last von ihm abzufallen, als er - von niemandem mehr beachtet – verkommen kann.

 

Und das mir, der jede Nacht von nichts anderem träumt, als Professor an der Universität in Moskau zu sein, sagt Andrej

 

Andrej

Natascha,

seine pragmatische und berechnende Frau, entstammt einem kleinbürgerlichen Milieu und bleibt eine Fremde zwischen den exaltierten, gebildeten Menschen im Hause ihres Mannes. Ihre Heirat  bedeutet für sie einen beachtlichen materiellen Aufstieg. Während sich alle anderen in Klagen über ihr unnützes Leben verlieren, hat Natascha eine Ehe geschlossen, zwei Kinder bekommen, einen Liebhaber gewonnen und das Haus in ihren Besitz gebracht. Sie existiert nicht in den Kategorien von Glück und Unglück, sondern ist voller Lebensgier und sexueller Lust. Was sie an Leben bekommen kann, nimmt sie sich.

 

Im Ernst: wenn Du nicht bald hier ausziehst, werden wir uns immer wieder in die Quere kommen.  droht sie Olga

 

Natascha

Kulygin,

Lehrer mit Leib und Seele - vergöttert seine Frau Mascha. Sie hebt ihn aus seiner Mittelmäßigkeit heraus. Er ist vielleicht der einzige, der seine Möglichkeiten erkennt und seine Grenzen akzeptiert. Er richtet sich in der Realität ein und lebt illusionslos, aber nicht ohne Freude. Wie alles im Leben akzeptiert er auch Maschas Untreue. Bleibt zunächst die Frage, ob sich Kulygin selbstzufrieden etabliert hat, oder ob er die glückliche Gabe besitzt, das Dasein in seiner Unvollkommenheit anzunehmen, entpuppt er sich am Ende als durchschaubarer Zyniker.

 Ich liebe Mascha und dabei bleibts. Das ist einfach mein Schicksal, stellt Kulygin fest

Kulygin

Tschebutykin,

Militärarzt und Quartalssäufer, gehört in gewissem Sinne zur Familie und hat sich im Haus der Schwestern eingerichtet. Er kennt sie seit ewigen Zeiten und war in ihre Mutter verliebt. Die stärkste Zuneigung empfindet er für Irina. Für Andrej ist er Spiel- und Saufkumpan und verliert wie dieser zunehmend an Halt. Dabei durchschaut er mit glasklarer Scharfsicht die Gesellschaft. Seine Sprüche, die keinen Sinn zu ergeben scheinen, beschreiben die Verhältnisse besser als jede intellektuelle Analyse.

Wir sind eigentlich gar nicht vorhanden, es gibt uns einfach nicht. Es sieht nur so aus, als ob wir da wären, sagt Tschebutykin

Tschebutykin

Baron Tusenbach, Leutnant,

entstammt der obersten Gesellschaftsschicht, hat gute Manieren, ist höflich und gepflegt, wenn auch wenig attraktiv. Anständig und lauter, zeigt er sich entschlossen, der Lethargie durch Arbeit in einer Ziegelei zu entkommen. Er stirbt im Duell, aber in Wahrheit wohl, weil er von Irina, seiner großen Leidenschaft nicht geliebt wird. Ihr Ja-Wort hat ihn betrogen ans Ziel gebracht.

 

Dieser Baum da drüben ist völlig verdorrt, aber er bewegt sich immer noch, wenn der Wind geht, genauso wie die anderen. Vielleicht geht es mir auch so, wenn ich tot bin, überlegt Tusenbach

Baron Tusenbach, Leutnant,

Soljony, ein Hauptmann des Armeestabes

tritt als gehemmter Zyniker auf, der bereits drei Menschen auf dem Gewissen haben soll. Ebenso wie Tusenbach leidet er unter seiner unerfüllten Liebe zu Irina. Unberechenbar und emotional zugeschnürt, kann er auf seine seelischen Verletzungen nur mit Gewalt reagieren. Ein Sprachloser.

 

Nach Sturm sucht er Orkan und Regen, als wollt er sich drin schlafen legen, sagt Soljony

Soljony, ein Hauptmann des Armeestabes
Oberstleutnant Werschinin

In dieser Gruppe von unglücklichen Menschen taucht wie ein Stern Oberstleutnant Werschinin auf,

ein glänzender Rhetoriker und und strahlender Mann. Die Schwestern hatten ihn in ihrer Kindheit in Moskau schon einmal getroffen und nannten ihn den „verliebten Major“. Inzwischen hat er selbst zwei Kinder. Seine unglückliche Ehe ist neben wechselnden Liebschaften zum Lebensinhalt geworden. Als hoher Militär nimmt er die berufliche Stelle des verstorbenen Vaters der Schwestern ein und hat eine glanzvolle berufliche Karriere vorzuweisen. Er verliebt sich in Mascha, mit der er ein Verhältnis beginnt, das er jedoch ohne zu zögern aufgibt, als das Armeecorps die Stadt wieder verlässt. Sein Lebenselixier ist es zu philosophieren, wobei er jedoch nie in die Tiefe geht, sondern stets unkonkrete Hoffnungen in die Zukunft formuliert.

Wenn man sein Leben noch mal von vorn beginnen könnte, aber mit allem, was man heute weiß! Das erste auf Probe, das zweite im Ernst ..., wünscht Werschinin

Ferapont,

der alte Diener, hat sich in seinen Geschichten eingerichtet und es damit geschafft, kein verbitterter Alter zu werden. Er ist zufrieden mit seiner Tätigkeit als Bote der Landverwaltung und fand darin seine Berufung.

Sie müssen die Dokumente unterschreiben! Wozu sind Dokumente denn sonst da? fragt Ferapont

Bleibt noch zu nennen

Ferapont

Anfissa,

eine alte Dienerin, die die drei Schwestern über alles liebt. Sie hat die Familie ihr Leben lang begleitet. Sie ist die einzige, die am Ende wirklich ihren Frieden gefunden hat.

Manchmal wache ich nachts plötzlich auf und – Heilige Mutter Gottes – keiner auf der Welt ist glücklicher als ich, sagt Anfissa

Anfissa
Schlußbild 1. Akt
Schlußbild 3. Akt

Gesamttext der Theaterpredigt

Uta Girod, Kristina Bischoff (KB), Christof Heinze (CH), Frieder Schmidt (Akkordeon)

VORSPIEL Akkordeon

Uta Girod: Bilder und Figuren (Einführung)

ZWISCHENSPIEL Akkordeon (Edith Piaf, Padam…Padam)

 

CH: Sehr verehrte Damen und Herren - Padam…padam…padam – so beginnt die Inszenierung der drei Schwestern an den Landesbühnen.  Da verrinnt die Zeit, die Liebe bleibt gegenwärtig wie der gestern vergangene Tag – so wird im Text gesungen – aber sie kommt immer wieder, mit diesem Lied, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Und mit ihr kommt die Schwermut, die Melankolei, und der Herzschlag des Liedes scheint sie zu akzeptieren und zugleich gegen sie anzukämpfen, immer wieder, padam, padam. So singt es Edith Piaf, die 15 Jahre nach der Fertigstellung der „Drei Schwestern“ zur Welt kam, elf Jahre nachdem Tschechow in Badenweiler gestorben war.

„Zwischen Sehnsucht und Scheitern“, so haben wir unsere Theaterpredigt genannt und danken Ihnen sehr für Ihr Interesse.

 

Für mein Empfinden ist die Zeit eine der wichtigsten Gegebenheiten in unserem Stück. Vier Akte, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten spielen, eine Handlung, die sich über Jahre erstreckt, der Traum von einem Leben in der Zukunft, der sich genau besehen als verklärte Vergangenheit erweist. Für mich war es sehr wichtig zu verstehen, welche Rolle die Zeit in diesem Stück spielt, auch die verlorene und die vertane Zeit. Es sind nicht nur Olga, Mascha und Irina, die ihr nachtrauern, es ist auch Werschinin, der von grandiosen Zukunftsbildern für die menschliche Gesellschaft träumt, oder Baron Tusenbach, der seiner Lebenszeit endlich einmal einen aktiven Sinn geben und arbeiten möchte.

Zeit heißt aber auch, in den biblischen Erzählungen ebenso wie in Tschechows Dramen, dass es eines Tages zu spät sein kann, dass es für alle Dinge und Entscheidungen des menschlichen Lebens eine Zeit gibt, aber auch eine Befristung.

KB: Neben der Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben, die alle im Stück empfinden und die sich von Anfang bis Ende durchzieht, ist es die große Verbundenheit der Schwestern miteinander, die mich sehr berührt. Über die Zeiten hinweg bewahren sie sich ihr Einfühlungsvermögen füreinander, sie lassen sich gegenseitig in ihrer je eigenen Art gelten und können ausgelassen und phantasievoll miteinander feiern. Sie lieben sich und können sich gegenseitig trösten. Der Bruder Andrej fällt aus dieser engen Verbindung heraus. - Wenn alles gut geht ist die Geschwisterbeziehung ja auch die längste Beziehung des Lebens. - Diese drei Schwestern wissen, was Liebe ist und praktizieren sie miteinander. In ihrer Beziehung empfinde ich die Zeit als etwas Erfülltes, Dauerhaftes, Verlässliches. Trotz ihres je eigenen Leidens am Leben und den eigenen Vorstellungen vom Glück. Sie wollen etwas verändern, sich aber auch nicht voneinander trennen. Bisher haben sie immer zusammen gelebt, auch im gemeinsamen Leiden an den Verhältnissen.

CH: Das vollzieht sich nun in vier Akten – eher als Prozess denn als Handlung im klassischen Sinne: Vergangenheit und Zukunft, Wehmut – Erinnerung – Hoffnung auf eine glückliche Zukunft irgendwann, die hingehende Zeit. Es hängt rechts auf der Bühne eine Uhr an der Wand, über den Bildern der Familie, links hängt ja wohl der verstorbene Vater. Es ist die Uhr, die Tschebutykin herunterfallen lässt und die Irina wieder aufhängt, ohne Rahmen, nur das Zifferblatt der Zeit, mit dem Hinweis, das sei Mamas Uhr gewesen. Sie bleibt dann dort hängen, auch als Natascha wie zum Zeichen ihrer Machtübernahme im Haus alle alten Bilder abhängt. An die Uhr kommt sie nicht ran. Die Zeit ist unantastbar und bleibt Herrin im Haus.

Mir ist sehr nahe gegangen, was Irina am Ende des 3. Aktes sagt: „Die Zeit geht hin… jeder Tag gräbt den Graben tiefer zwischen mir und meinem wirklichen Leben“. Da berührt mich etwas von der Unerbittlichkeit der Zeit. Zugleich haben die heiligen Texte des jüdischen und des christlichen Glaubens ein Gespür dafür, dass die Zeit die Dinge ordnet und der Schöpfung eine Gestalt gibt. Da wurde aus Abend und Morgen ein erster Tag, heißt es gleich in der Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift, die ja den Schabbat begründet, eine Zeit der Ruhe nach der Zeit der schöpferischen Aktivität. Jahrhunderte später, im Buch des Predigers Salomo, lesen wir es so:

 

1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. 2 Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zur Ernte, 3 eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, 4 eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz, 5 eine Zeit zum Steine werfen und eine Zeit zum Steine sammeln, eine Zeit zur Umarmung und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, 6 eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Loslassen, 7 eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, 8 eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.                                                                                     Kohelet 3.1-8 (Lohfink)

KB: Das klingt so schön sortiert, als käme alles geordnet eins nach dem anderen, zur rechten Zeit.

CH:  Ja, das klingt auch für mich so. Ich meine auch, dass dieser Bibeltext es so sagen möchte. Wie die Zeit erlebt wird, ist ja auch abhängig davon, was in ihr geschieht. Von Alfred Polgar ist überliefert, dass er eine Theaterkritik einmal so begonnen habe: „Die Vorstellung hatte um 8 Uhr begonnen. Als ich nach zwei Stunden auf die Uhr schaute, war es halb neun“.

Für Olga, Mascha und Irina müsste das heißen, wenn man es auf sie überträgt: Es gibt eine Zeit zum Träumen und eine Zeit, die eigenen Träume zu verwirklichen. Oder auch: sich von unrealistischen Träumen entschieden zu verabschieden. In unserem Stück bleiben die Träume ungelebt, und die Figuren leiden darunter furchtbar. Als ob es etwas gäbe, was sie daran hindert, ihr Leben selbst zu leben. Und dabei frage ich mich, ob es das nicht in meinem Leben auch gibt – dass ich etwas tun möchte und es zugleich vor mir herschiebe, ohne es zu verwirklichen. Vieles hoffe ich im Ruhestand tun zu können, jetzt hat es keine Zeit – aber ist das gut? Oder bin ich da eher auf den Spuren Tschebutykins oder Kulygins? Ist nicht jetzt die Zeit meines Lebens, und ist nicht alles andere ungewiss? Im Gespräch mit Trauernden bin ich immer wieder davon berührt, wie vieles offen bleibt und uneingelöst. Es war immer ein Wunsch, diese Reise zu machen oder dieses wichtige Gespräch zu führen, um vielleicht eine

lange unklar gebliebene Beziehung zu klären. Und dann ist plötzlich keine Zeit mehr, und es bleibt ein Fragment. Am Anfang eines neuen Jahres gibt es ja so viele Vorhaben, und immer wieder auch die Gespräche darüber, warum sie so schnell wieder von der Gewohnheit überlagert und vom Alltag verschüttet werden. Von daher weiß ich, dass es mir nicht allein so geht, aber es beschäftigt mich auch selbst immer wieder.

Und so klingt es wirklich sehr sortiert: Alles hat seine Zeit. Mich beschäftigt es, dass es in meiner Seele oft einen Zwiespalt gibt zwischen den Dingen, die hier gegenüber gestellt sind – Festhalten und Loslassen etwa, um nur ein solches Paar herauszugreifen. Ich erlebe da nicht nur ein geordnetes Nacheinander, sondern durchaus widerstreitende Gefühle. Das verhindert oft eine Entscheidung – ich möchte etwas tun, vielleicht habe ich sogar Sehnsucht nach einer Veränderung. Und zugleich habe ich Angst davor.  Zunächst einmal wird mir warm ums Herz, bang sicher auch, aber warm, wenn ich die Sehnsucht der drei jungen Frauen nach Glück und einem guten Leben wahrnehme, nach Erfüllung oder auch einem Sinn im eigenen Dasein. Sie leben, sie haben Wünsche und Hoffnungen. Sie sind noch nicht fertig mit sich und der Welt, wie es auch Tusenbach nicht ist, der sich danach sehnt, zu arbeiten und sich hierin zunächst nahe mit Irina berührt. Sehnsucht kennen wir wohl alle. Und vielleicht auch die Angst, die damit verbunden ist, besonders dann, wenn es darum geht, im eigenen Leben etwas zu verändern, zu seiner Zeit. Ich kann mir vorstellen, Kristina – das ist wohl ein Thema, das Dich bei Deiner Arbeit ständig begleitet.

KB: Natürlich nicht nur in meiner Arbeit.....Sehnsucht gehört zu unserem Leben. Mit unserer Geburt, der Ent-Bindung, beginnt sie, zunächst natürlich nach den leiblichen Grundbedürfnissen, von Anfang an aber lebensnotwenig auch nach Wärme und Zeichen der Verbundenheit, des Nicht-allein-Seins. Hilde Domin sagt es sehr schön: „Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen, wo sich die Augen begegnen entstehst du. Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt“.

Schon im Mutterleib machen wir zwei zentrale, das Leben durchziehende Erfahrungen, wir sind verbunden, da noch auf das Engste - und wir wachsen, entwickeln uns, werden zu einem ganz eigenen, unverwechselbaren Menschen. Das prägt unsere Bedürfnisse und besonders in Liebesbeziehungen werden vertraute, frühe Erfahrungen wiederbelebt. Wir richten unsere Sehnsucht nach Erfüllung und  Heilung dann auf unseren Partner. In meiner Arbeit mit Paaren sind es oft die unterschiedlichen Nähebedürfnisse, an denen beide enttäuscht leiden. Es gibt dann bei beiden keine gesunde Balance zwischen Geborgenheit und Autonomie, Nähe und Distanz, Sicherheit und Erregung, also zwischen Wurzeln und Flügeln. Wir sehnen uns nach Verbundenheit und nach Entwicklung gleichzeitig.

 

In Tschechows Stück ist aber ein anderes partnerschaftliches Balancethema ganz präsent, das der Dominanz und Unterordnung. Andrej ordnet sich Natascha unter und verliert dabei seine eigene Person. Er setzt sich nicht mehr für seine Ziele ein; Natascha sehr wohl für ihre. Und Werschinins Frau hat mit ihrer vermeintlichen Krankheit ebenso die Macht über ihren Mann, allerdings noch viel destruktiver, weil es die Kinder zutiefst verunsichert und sie daran leiden müssen. Im Gegensatz zu den Erwachsenen haben sie keine Wahl. Anstatt dass Werschinin seine Kinder schützt, philosophiert er, was wohl noch alles auf sie zukommen wird! Dominanz und Anpassung gehören zu jeder Partnerschaft ganz natürlich dazu; wie es gelebt wird, entscheiden beide zu gleichen Teilen durch ihr jeweiliges Agieren oder Reagieren. Zum Schluss des Stückes regiert Natascha das Haus; vermutlich re-agiert sie damit auch auf die umfassende Ablehnung, die ihr dort entgegengebracht wurde. Und die Ehe von Kulygin und Mascha ist zu Ende. Seine angebliche Liebe zu Mascha ist fühllos und selbstsüchtig, sie hat mit der Realität seiner Frau schon lange nichts mehr zu tun.

 

Die Sehnsucht als die Triebkraft unseres gesamten Lebens – Mascha denkt darüber nach und sagt: „Der Mensch muß glauben oder er muß es wenigstens versuchen; sonst ist das Leben öde. Denn leben, ohne zu wissen, wofür Kraniche fliegen, wofür Kinder geboren werden, wofür Sterne am Himmel stehen.....Entweder weiß man, wofür man lebt, oder es ist alles ein großer, hohler Blödsinn.“

Ganz ähnlich klingt es in den Worten von Tania Blixen: „Bis zu diesem Tag hat noch niemand gesehen, dass Zugvögel ihren Weg nähmen nach wärmeren Gegenden, die es gar nicht gäbe, oder dass die Flüsse ihren Lauf durch Felsen und Ebenen bahnen und einem Meer entgegenströmen, das gar nicht vorhanden wäre. Gott hat gewiss keine Sehnsucht erschaffen, ohne auch die Wirklichkeit zur Hand zu haben, die als Erfüllung dazugehört.

Unsere Sehnsucht ist unser Pfad.“

CH: Die Sehnsucht nach Leben – in der Handlung der „Drei Schwestern“ bleibt sie gleichsam stecken. Irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft geht sie in die Brüche. Große Sehnsucht auf der einen – schmerzhaftes Scheitern auf der anderen Seite. Ist es die Angst vor der Veränderung? Ist es der Zusammenhalt in der Familie, der sich ja als trügerisch erweist: Immerhin ist es der einstige Hoffnungsträger Andrej, der mit seiner Eheschließung in der Provinz Natascha ins Haus bringt, so dass die Schwestern nicht nur von der Verwirklichung ihrer Träume in Moskau getrennt, sondern auch aus dem Haus gedrängt werden, das sie seit elf Jahren bewohnen, Akt für Akt, Schritt für Schritt. Von der zerbrochenen Sehnsucht bleibt, vor allem bei den Männern nur eine Sucht übrig – sei es Andrejs Spielsucht, sei es die Trunksucht Tschebutykins oder Soljonys Eifersucht. Ich persönlich glaube mit dem Kirchenvater Augustin, dass Gott die Sehnsucht in das menschliche Herz gelegt hat, oder „gesät“, wie er sagt. Das ist ein schönes Bild in meinen Augen, die Sehnsucht als Saatgut. Darin liegt die Möglichkeit, dass sie im menschlichen Leben Wurzeln schlägt und aufgeht und wächst, ebenso wie sie ersticken, vom Winde verweht, verdorren oder verschüttet werden kann. In jedem Menschen würde eine Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Freiheit, nach Echtheit und Sinn stecken – letzten Endes die Sehnsucht nach Gott. Für Augustin ist die Sehnsucht die wesentliche Kraft im Menschen, nicht wie für Martin Heidegger die Sorge. Für Augustin prägt die Sehnsucht die menschliche Seele. Auch im Streben nach der Liebe eines Menschen, nach Anerkennung, nach Erfolg oder Reichtum erblickt Augustin – wenn man die Betrachtung solcher Bestrebungen nur konsequent zu Ende führt – letztlich unsere grundlegende Sehnsucht nach Gott. Wie in ein verlorenes Paradies sehnen sich Tschechows Schwestern nach Moskau zurück, sie fühlen sich daraus vertrieben und in die Einöde verschlagen und wollen wieder hin. Olgas unfroh machende und ermüdende Arbeit, Maschas unglückliche Ehe mit Kulygin, Irinas Traum vom großen Glück in der Ferne, das alles spielt in der tristen Gegenwart – Moskau hingegen verkörpert die Sehnsucht nach dem Paradies. Auch deshalb ist die verklärte Traumstadt in der Ferne nicht von ungefähr der Ort der Kindheit und des eigenen Ursprungs. Diese Sehnsucht hat zunächst einmal all meine Sympathie. Keine Sehnsucht – oder keine Sehnsucht mehr – zu haben, hieße nach Augustins Betrachtung praktisch in der Hölle gelandet und von Gott getrennt zu sein.

 

KB: Es ist nicht leicht, sich seiner Sehnsucht zu stellen, sie genauer kennen zu lernen und sie tapfer ins tägliche Leben mitzunehmen. Sie kann einen ins Helle, aber auch ins Dunkle führen. In unserer, von ihren eigenen Konventionen legitimierten Suchtgesellschaft überwiegen die Wege ins Dunkle. Angela Krauß, eine Leipziger Schriftstellerin sagt dazu in ihrem Buch: „Wie weiter“: „Also, nimm zur Kenntnis, wieviel Mühe das macht, die Lebenskünstlerschaft! Nur die Lebensverliebten sind von diesem Trieb beherrscht und von denen nicht alle, nur jener Rest, der übrigbleibt nach Abzug der Trunksüchtigen, der Spielsüchtigen, der Sexsüchtigen, der Arbeitssüchtigen, aller Fallsüchtigen, die ihrer Sehnsucht nicht gewachsen sind, oder wie immer dieses kerngesunde Tier in uns heißt, das es mit dem All da draußen aufnehmen will.“

CH: Wir haben von der Sehnsucht gesprochen, die die Figuren in den „Drei Schwestern“ ebenso haben wie jeder Mensch. Sie erscheint uns beiden als wundervolle Kraft für das menschliche Leben. Wir müssen schauen, was aus ihr wird. Und wir müssen vom Scheitern sprechen, gerade da, im Herzen des menschlichen Lebens. Denn wenn wir die Sehnsucht als eine geradezu göttliche Kraft betrachten, die uns auch unter den widrigsten Bedingungen ins Helle führen will, dann müssen wir uns dem Scheitern stellen und uns fragen, was das bedeutet.

ZWISCHENSPIEL Akkordeon

 

CH: Das grundlegend Neue in Tschechows Dramatik ist wohl ihr Verhältnis zur Zeit. In den Dramen seiner Vorgänger und Zeitgenossen traf man in der Regel fünf Akte an, die einen geordneten Spannungsbogen hatten, der in der Regel im dritten Akt kulminierte. Neu bei Tschechow ist wie in unserem Stück die Anordnung des Stoffes in  vier Akten, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten spielen, eine je eigene Situation haben und eher Prozesse betrachten als eine Handlung zu erzählen. Und doch haben wir es ja in den drei Schwestern mit einem Prozess zu tun, der beinahe unerbittlich abläuft, Verhältnisse verschiebt und Konstellationen verändert. Hier hat, so wie wir es gesehen haben, das Bühnenbild sehr viel dazu beigetragen, diese Prozesse sinnfällig zu machen und zugleich ins Bild zu setzen, wie einsam die Personen letzten Endes sind.

Die Zeit, so könnte man sagen, spielt eine Hauptrolle. Damit meine ich die Vergangenheit der Personen, aber auch ihre Vorstellungen von der Zukunft. Mir fällt auf, wie viel Utopisches man von Männern wie Werschinin oder Tusenbach hört, bis hin zu dem beinahe prophetischen Passage Tusenbachs: „Etwas Riesenhaftes rollt auf uns zu, etwas Ungeheuerliches. Ein mächtiger Sturm wird unserer Gesellschaft die Trägheit aus den Knochen schütteln und sie aus allen Fugen krachen lassen. Eines Tages werde auch ich arbeiten gehen müssen, und in spätestens fünfundzwanzig, dreißig Jahren werden alle arbeiten, alle, ohne Ausnahme.“ Das habe ich beim ersten Hören für Thomas Brasch gehalten, der ja noch knapp ins 21. Jahrhundert hineinreicht. Das war ein Irrtum! Tschechow hat es so geschrieben, an der Wende zum 20. Jahrhundert! Ich habe im russischen Text nachgesehen und halte die Worte für geradezu prophetisch. Das ist nun – zu meinem eigenen Erschrecken, eine recht genaue Entsprechung zu einem Gefühl, das ich auch selbst habe, etwa seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Und Ich weiß nicht, wie es denen von Ihnen ging, die eine Vorstellung besucht haben – für mich wirkt vieles sehr heutig, zumindest wenn man auf unsere westlichen Gesellschaften schaut. Nichts Neues unter der Sonne?

 

Das Buch Kohelet, in der Lutherbibel mit „Prediger Salomo“ überschrieben, beginnt mit der folgenden Betrachtung:

 

2 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch,  Windhauch, das ist alles Windhauch. 3 Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? 4 Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit. 5 Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.  6 Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu

dreht, kehrt er zurück, der Wind. 7 Alle Flüsse fließen ins Meer, aber das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. 8 Alle Dinge sind rastlos in Bewegung. Kein Mensch kann alles ausdrücken. Nie wird ein Auge satt, wenn es schaut, nie wird ein Ohr vom Hören voll. 9 Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, das wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. 10 Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. 11 Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren. Und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.       

                                     Kohelet 1.2-11 (Lohfink)

 

KB: Das klingt auf’s erste Hören nach Resignation – es ist ja doch immer wieder dasselbe......

Scheitern – immer wieder – als ein selbstverständlicher Teil des Lebens, als heilsames und notwendiges Geschehen auf dem Weg zu Gott, aber auch zu mir selbst? Kohelet ist offenbar der Ansicht, das jede Generation, im Grunde sogar jeder einzelne Mensch die wichtigsten Erfahrungen auf’s Neue machen muss. Man könnte meinen, Kohelet ist hier der Tschechow der Bibel. Er will genau auf diese Weise zeigen, was wichtig ist und worauf es ankommt.

 

 

CH: In unserem zweiten Durchgang geht es um das Scheitern. In der großen Erzählung der Bibel zieht es sich wie ein roter Faden, dass im Zerbrechen alter Gestalten neues Leben und neuer Glaube entsteht. Ich möchte wenige Beispiele dafür benennen.

Die Menschheit verdankt Israel den Glauben an den einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Dieser Blick aber wurde gewonnen in der Erfahrung, dass der Glaube am Ende und gescheitert war: zu der Zeit, als alles in Trümmern liegt, was dem Glauben an den Gott Israels bis dahin Halt und Sinn gegeben hatte – der Tempel, die Davidsdynastie, das „verheißene Land“, nach der babylonischen Okkupation 587 v.Chr. Hier – im Scheitern seiner alten Gewissheiten – gewinnt der Glaube Israels eine neue Dimension: Im Angesicht der babylonischen „Siegergottheiten“ entsteht die Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift (Genesis 1.1-2.4a), aus dem National- und Volksgott Israels wird im babylonischen Exil der eine Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und Schöpfer aller Menschen ist.

Oder: „Der Herr ist denen nahe, die ein gebrochenes Herz haben, und denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben, hilft er.“ (Psalm 34.19) – das hat wohl einen tiefen Sinn, nicht nur für einige besonders Trostbedürftige, sondern für alle Menschen.

Es hat wohl auch einen Sinn, dass Petrus an seinem Anspruch scheitert, niemals seinen Meister zu verleugnen, und dass er bitterlich weint, als sein Selbstbild zerbricht. Auf diese schmerzhafte Weise erst reift er zum Osterzeugen und Apostel. Ebenso kommt das gesamte Denken eines Paulus aus der Erfahrung des Scheiterns – an dem Versuch nämlich, das göttliche Gesetz zu erfüllen. Dieses Scheitern führt ihn zur Kraft Christi, die „in den Schwachen mächtig“ ist, wie er im Zweiten Korintherbrief schreibt (2.Kor 12.9), und zum Gedanken der Gnade, aus der allein wir wirklich zu leben vermöchten. Ich denke, diese Gnade war auch wirksam im kurzen Leben von Anton Pawlowitsch Tschechow.

 

KB: Tschechow verbietet sich die großen Illusionen, ihm ist auch Tolstoi und sein religiös-prophetischer Anspruch zuwider. Schreiben oder philosophieren um seiner selbst willen war ihm Zeit seines kurzen Lebens unmöglich. Seine lang andauernde Selbstbezweiflung als Künstler schien mit dem Ruhm, als er sich einstellte, eher noch zu wachsen. Er fragt sich: „Führe ich nicht den Leser hinter´s Licht, da ich ja doch die wichtigsten Fragen nicht zu beantworten weiß?“

 

Die „wichtigsten Fragen“ hat er auf seine Weise mit konkreten Tun „beantwortet“. Selbst früh an Tbc erkrankt, ist er neben dem Schreiben unermüdlich als praktizierender Landarzt tätig. Da er aus tiefster Armut kommt, nimmt er von den Armen kein Honorar. Gegen die Unwissenheit, in der er eine Ursache für Russlands Elend sieht, lässt er drei Schulen bauen und unterhalten. Die strapaziöse Reise zur Gefängnisinsel nach Sachalin, wo er durch Beschreibung der schlimmen Missstände einiges an Reformen erreichen konnte, der Kampf gegen die Cholera und die Verwaltung des Kreiskrankenhauses von Swenigorod bei Moskau: „Was tun?!“ war seine große Frage. „Schto djelatch?“ ist später auch der Titel einer Streitschrift des jungen Lenin, der Tschechow gern gelesen haben soll.

 

CH: Tschechow ist 44 Jahre alt geworden. Was ihn offenbar lebenslang umtreibt, wird für mich atemberaubend in seiner Novelle „Eine langweilige Geschichte“, in der ein weltberühmter Gelehrter, Professor und General Lebensbilanz zieht und – hochgeehrt und „erfolgreich“ – sein Scheitern eingesteht mit diesen Worten:

„Jedes Gefühl, jeder Gedanke lebt in mir abgesondert, und in meinen Urteilen über Wissenschaft, Theater oder Literatur wird selbst der erfahrenste Analytiker nicht das finden, was man eine allgemeine Idee oder den Gott des lebendigen Menschen nennen kann. Und wenn das fehlt, ist überhaupt nichts da. Es ist daher gar nicht verwunderlich, dass die letzten Monate meines Lebens durch Gedanken und Gefühle verdunkelt wurden, die eines Sklaven oder Barbaren würdig sind – und dass ich jetzt völlig gleichgültig bin. Wenn im Menschen nicht das lebt, was höher und stärker ist als alle äußeren Umstände, dann freilich genügt für ihn ein ordentlicher Schnupfen, und er verliert das Gleichgewicht. Sein ganzer Pessimismus oder Optimismus samt seinen großen und kleinen Gedanken haben dann nur noch die Bedeutung von Symptomen und sonst keine. Ich bin besiegt. Wenn das so ist, dann besteht kein Anlass, weiterhin nachzudenken, keiner, weiterhin zu diskutieren. Ich werde sitzen und schweigend erwarten, was kommt.“                     (A.Tschechow, Eine langweilige Geschichte)

 

Nikolai Stepanowitsch, der Held der „langweiligen Geschichte“, scheint hier Augustins Auffassung zu bestätigen, das jede Sehnsucht des Menschen letztlich auf Gott hinaus will. Nicht seine Verdienste stellen ihn zufrieden, nicht die Anerkennung so vieler Zeitgenossen. Er sehnt sich nach dem „Gott des lebendigen Menschen“, nach etwas, „was höher und stärker ist als alle äußeren Umstände“.

ZWISCHENSPIEL Akkordeon

 

CH: Gibt es in so viel Scheitern Hoffnung? Oder im Sinnlosen einen, vielleicht verborgenen Sinn?

Viele von ihnen haben so gefragt, wenn wir über das Stück geredet haben. Wo ist hier das Licht „in der Finster“? Gibt es das überhaupt? Gibt es zwischen der großen Sehnsucht und dem großen Scheitern eine Brücke, die begehbar wäre?

Ich möchte an dieser Stelle eine kleine Verbeugung machen vor Thomas Brasch, der die großen Dramen Tschechows am Ende des 20. Jahrhunderts bearbeitet hat und dessen Text der

Schwestern auch Arne Retzlaffs Inszenierung zugrunde liegt. Es gibt ein kleines Gedicht, in der DDR-Reclam-Ausgabe mit Brasch-Texten, ein Geheimtipp meiner Abiturientenzeit, steht es hinten auf dem Einband. Es ist oft gelesen worden, wenn sich in den Westen ausreisende Freunde mit einer Party verabschiedeten, ohne dass wir wussten, ob wir uns je wiedersehen – die Gehenden und die Bleibenden. Der Text geht so:

 

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber

Wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber

Die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber

Die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber

Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber

Wo ich sterbe, da will ich nicht hin:

                      Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin                    

(Thomas Brasch, Lied; 1977)

 

Wer so von sich spricht, sieht sich selbst nicht als gelungene, erfolgreiche Lebensgestalt. Er sieht sich als Bruchstück, als Fragment. In der Theologie hat Henning Luther, zuletzt Professor für Praktische Theologie in Marburg, diesem Ausdruck aus der Kunst, aus der Ästhetik, eine Bedeutung für die Betrachtung unseres Lebens gegeben. Henning Luther starb 1991 als 43-jähriger, beinahe im Alter Anton Tschechows. In seinem letzten großen Werk „Religion und Alltag“ gibt es ein Kapitel, das „Identität und Fragment“ überschrieben ist. Fragmente, so erläutert Luther darin, sind entweder Überreste eines zerstörten, aber ehemals Ganzen – oder sie sind nicht fertig geworden. Fragmente also aus Vergangenheit oder Fragmente aus Zukunft. In diesem Bild betrachtet Luther das menschliche Leben, auch sein eigenes. Nach der Begegnung mit den „Drei Schwestern“ habe ich noch einmal bei Henning Luther nachgelesen, Sätze wie diese: „Wir alle sind Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen auf Grund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie auf Grund zugefügter Verletzungen, erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen. Dies ist der Schmerz des Fragments“ (Henning Luther, Identität und Fragment, in: Religion und Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts; Stuttgart 1992). Das fällt mir schwer, es einzugestehen, aber es erscheint mir wahr. Vieles in meinem Leben ist und bleibt gescheitert. Henning Luther fährt aber fort, und da finden wir dann das zweite Stichwort in unserem Titel für den Abend: „Das Fragment trägt den Keim der Zeit in sich. Sein Wesen ist Sehnsucht. In ihm herrscht der Mangel, aber es ist auf Zukunft aus“ (ebd.). Wenn ich mich selbst annehme als Bruchstück, wenn ich mich selbst auch im Scheitern bejahe – oder als bejaht glaube – dann öffnet sich ein schmaler Spalt für die Zukunft. Ich bin dann in der Mitte des christlichen Glaubens, wo nur das in die Erde fallende und sterbende Weizenkorn Früchte trägt (Johannes 12.24). Wo Jesus von Nazareth geschändet, verspottet und getötet wird, wo er scheitert, und wo ihn Gott auf ihn antwortet und ihn in ein bleibendes, gültiges Leben hebt.

Olgas letzte Worte im Stück sind furchtbar traurig, aber sie erschienen mir offen. Sie sehen das Leben als zerbrochenes Bruchstück, als Fragment, und sie bekennen das Scheitern. Sie sagen aber nicht, wie Tschebutikyn: „Es ist alles egal“. Es ist in ihnen Zukunft – bei allem Schmerz.

 

Viele scheitern heute an hochanspruchsvollen Lebensentwürfen und hohen Ansprüchen, die Menschen früherer Zeiten gar nicht im Bereich des Denkbaren waren und mit der Anmutung einhergehen, so etwas wie ein Designer oder eine Designerin des eigenen Lebens sein zu müssen, alles selbst erstellen zu können bzw. zu sollen. Wir wollen Erfolg haben, für andere attraktiv sein, ganze „Erlebniswelten“ im Paket kaufen und darin Sinn und Erfüllung finden.

Alles dafür scheint da zu sein: Mobilität, Geschwindigkeit, ständige Erreichbarkeit, Zugriff auf alle erdenklichen Informationen, Rohstoffe, Geld, jedenfalls in unserer kleinen Ecke der Welt – da darf man schon erwarten, dass „es“ „gelingt“. Warum scheitern wir dennoch, immer wieder? Und gibt es darin eine Hoffnung, oder einen Sinn?

Viele Beziehungen scheitern, heute mehr denn je. Vielleicht scheitert unser gesamtes Wirtschaftssystem. Was dann? Grinsen in der Finster? Oder was?

 

KB: Menschen kommen an dem Punkt ihres Lebens in unsere Beratungsstelle, wenn eine Entwicklung blockiert ist und wenn sie deutlich spüren, dass etwas anders werden muss und es „so“ nicht weitergehen kann. Es ist dann meine Aufgabe, an der Desillusionierung auf das Machbare hin zu arbeiten. Das klingt anstrengend, das ist es auch, aber es ist sehr lohnend. Erst der persönliche Leidensdruck ermöglicht eine andere Sichtweise auf die entstandene Situation. Scheitern kann neue Räume eröffnen. „Wer dem Unmöglichen nicht mehr nachrennt, wird frei für das Mögliche“.

 

Unter dem Titel: „Der fremde Planet neben mir“ schreibt Rudolf von Waldenfels über die ‚revolutionären’ Veränderungen in seiner Partnerschaft, bezogen auf den Konflikt zwischen seinem Bedürfnis, viel Zeit allein zu verbringen und dem seiner Frau, möglichst jeden Aspekt ihres Lebens mit ihm zu teilen: „Wir benötigten Jahre (mit viel Streit, Enttäuschung und Unverständnis), bis wir begriffen, dass ihre Bedürfnisse genauso legitim waren wie meine, und meine genauso legitim wie ihre. Je mehr wir diese Wahrheit akzeptieren konnten, desto besser ging es uns miteinander. Unsere Erwartungen an unsere Liebesbeziehung sanken: So war es zum Beispiel nicht meine Aufgabe, sie von ihren Verlassenheitsängsten zu befreien. Ich konnte sie trösten, ich konnte ihr beistehen, ich konnte sie meiner Liebe versichern – befreien aber konnte sie sich nur selber. Ebenso waren die Tage, an denen meine Bindungsangst so übermächtig wurde, dass ich in ein depressives Einsamkeitsgefühl sank, meine und nur meine Angelegenheit. Sie streckte ihre Hand aus, um mich aus meinen selbst gegrabenen Loch zu ziehen, aber es lag an mir, sie zu ergreifen. Weil wir nicht mehr daran glaubten, dass der andere uns erlösen würde, genau deshalb blühte unsere Liebe auf. Es klingt paradox: erst als wir bereit waren, unser Alleinsein zu bejahen und uns innerlich auf eigene Füße zu stellen, erst da konnten wir uns ganz der gegenseitigen Liebe öffnen.“                          (Publik-Forum)

   

Im Stück ist Irina die Einzige, die eine Veränderung, auch aus Mangel einer Alternative, entscheidet und dabei einen kleinen winzigen neuen Impuls in sich spürt, inmitten ihrer sonstigen hoffnungslosen Melodie. Sie sagt: „Das ist kein Leben hier für mich so allein, ohne Olga. Seit sie Direktorin ist, wohnt sie in ihrer Schule. Und ich. Ich hocke hier alleine rum und sterbe vor Langeweile. Nein, danke. Die Entscheidung ist gefallen. Wenn schon nicht nach Moskau, dann eben so....und ich habe mich entschieden. Nach reiflicher Überlegung. Und plötzlich war ich so frei, so leicht. Plötzlich hatte ich wieder Lust, was zu machen.Es sind nur diese beiden kleinen Sätze, die einen ganz anderen, bisher ungehörten Ton haben. - Trotz Tusenbachs Tod zieht sie in ihre ungewisse Zukunft. Die Schwestern werden ihr dort schmerzlich fehlen. Die Trauer gehört zur Veränderung.

 

Da sie sich für diesen Weg entschieden hat, wird ihr auch die Kraft dafür zuwachsen. Veränderungen lösen wohl immer beides aus, Lust darauf – und Angst davor. Manche Entscheidungen ändern das Leben ganz radikal, rückblickend sind sie meist ein Gewinn. Mittendrin liegt das Aufgeben, glaube ich, immer nahe. Und viele gehen auch gar nicht los, sie kennen sich im vertrauten Unglück besser aus als im Glück – wer weiß, wer weiß - und - lieber nicht. Vielleicht zeichnet meine Sehnsucht mir ja ein Trugbild? - Eine Entscheidung für etwas ist eine Entscheidung gegen etwas, da gehören Zaudern und Zagen einfach dazu. Und viel Mut! - Nach Joseph Vogl „markiert das Zaudern die Schwelle zwischen Handeln und Nichthandeln, an der sich ein Zwischenraum reiner schöpferischer Potenz und Kontingenz auftut“. Es ist meine Erfahrung: Nach der Reduktion auf das Machbare bleiben – wie zuvor bei der Illusion – Zauber und Zumutung übrig, eben nur in anderer Gestalt. Sehr gerne werbe ich für einen Weg, der auch begehbar ist und in neue Möglichkeiten führt.

 

CH: Und wie geht es nun weiter mit Olga, Mascha und Irina? Mit Natascha und Andrej? Mit Soljony? Mit Werschinin und seiner Familie? Oder Kulygin, oder Tschebutykin?

 

KB: Ich würde das Ende gerne offen lassen, auch als Tribut an Tschechows Kunst. Vielleicht einen Wunsch für das neu begonnene Jahr?

 

CH: Wir wünschen Ihnen ein gutes Jahr und Gottes Segen. Es ist nicht alles egal!

NACHSPIEL Akkordeon

Redakteur: Christian Mendt  - letzte Aktualisierung: 13.06.2012
3434769 Besucher