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Die Lutherkirche im Bau, um 1891

Zur Baugeschichte und zur baulichen Gestalt der Lutherkirche

Mit ihrem außergewöhnlichen Turm zieht die Lutherkirche in der Lößnitzlandschaft die Blicke auf sich. Auf einer Höhenschwelle gelegen, staffelt sich, vom Tal her gesehen, der vielteilige Baukörper zum Turm hin auf. Mit seinem hohen Satteldach und der kupfergrünen Laterne wirkt die Kirche besonders malerisch, gleichsam mit dem Landschaftsbild verschmolzen. Streng hingegen erscheint der Turm von den anderen Seiten, mächtig von der nördlich vorbeiführenden Meißner Straße, grazil in den Seiten– und Schrägansichten in unterschiedlichen Straßenräumen. Solche städtebaulichen Aspekte lagen den Architekten Georg Rudolf Schilling und  Julius Wilhelm Graebner  im Sinn, als sich diese damals ganz junge Architektenfirma 1890 an dem Wettbewerb für den Kirchenbau beteiligte und gegen alle Voraussicht 1891 gewann. Wichtig war den Architekten der physiognomische Ausdruck ihres Kirchenbaues in der Landschaft.  Das erläuterten sie selbst so:“ Und es wurde der Gedanke zur Überzeugung, als unser geistiges Auge das Gebäude in der Landschaft entstehen machte, wie der Turm mit seinem wuchtigen Unterbau sich von den Bergen der Lößnitz abhob und wie der schlank gehaltene Dachreiter durch seine prächtigen Farben, von der Sonne beschienen, weithin dem Wanderer sichtbar, eine freudige, frohe Stimmung erzeugte; da tönte von der Galerie herab ein Choral, es war Ostermorgen, andächtig hört der Landmann und der Städter die Töne, ein Gefühl nur beschleicht ihn, die Nähe des Allmächtigen.“

Nachdem die drei Ortschaften Radebeul, Serkowitz und Oberlößnitz seit 1886 beschlossen hatten, sich von ihrer bisherigen Pfarrkirche in Kaditz zu lösen, war 1890 ein Kirchenvorstand gewählt worden, der nun auch den Kirchenbau in Radebeul vorantrieb. Die Kirchbaupläne von Schilling und Graebner erweckten ihrer Stilhaltung der deutschen Renaissance wegen – das war ein bisher im Kirchenbau kaum vertretener Stil – in Fachkreisen in ganz Deutschland Aufsehen. Mit den verwendeten Bau- und Kunstformen wollten Schilling und Graebner an die Zeit und die Stätten der Reformation, an Wittenberg und Torgau, und an den Nürnberger Künstler Albrecht Dürer erinnern. Andererseits sollte der neue Kirchenbau aber auch dem evangelischen Gottesdienst und dem damaligen Gemeindeverständnis entsprechen. Der Innenraum sollte weit, kurz und übersichtlich sein. Alle Gemeindeglieder sollten einen freien Blick auf den Altar und Kanzel haben. So ruhen die seitlichen Emporen auf Konsolen und das hohe tonnenartige Gewölbe, das in den eisernen Dachstuhl hineinragt, ruht nicht auf den Raum verstellenden Freipfeilern, sondern auf Wandvorlagen.

Blick zur Jehmlich-Orgel - der Innenraum im Originalzustand von 1892

Dank einer gut funktionierenden Bauwirtschaft gelang es, die Kirche in anderthalb Jahren zu errichten. Die entwerfenden Architekten bewährten sich auch als umsichtige Bauleiter, die die zahlreichen am Bau mitwirkenden Gewerke und Künstler im Sinne ihrer Bauidee zu lenken verstanden. Um eine belebte Oberfläche des Außenbaus zu erreichen, vermied man die damals üblichen glatten, öden Klinkerziegel und beschaffte sich von der Firma Otto Wenck in Torgau hartgebrannte, tiefrote Backsteine, die in schönem Farbkontrast zu dem hellen Elbsandstein in die Architekturgliederungen ausgeführt sind, stehen. Die Bauarbeiten wurden von der Firma Baron ausgeführt, die Steinarbeiten von der Firma Hartenstein. Nachdem im Mai 1891 der Grundstein gelegt worden war, konnte die Einweihung bereits am ersten Advent 1892 begangen werden.

Die Rückseite der Lutherkirche in ihrer heutigen Gestalt

An der der Meißner Straße zugewendeten Turmfront empfängt eine äußere Vorhalle mit einer Säule in der Mitte den Besucher. Über einem Rosenfenster deutet die hohe Dreiergruppe von Fenstern auf die Glockenstube hin. Eine vierteilige Arkadenreihe leitet sodann zum Satteldach des Turmes und zum Dachreiter über. Begleitet wird der Turm durch turmartig gestaltete Treppenhäuser, die die Emporen erschließen. Durch eine innere Vorhalle betritt man sodann den ungewöhnlich weiten und hellen, gewölbten Gottesdienstraum. Ein Mittelgang zwischen zwei Bankblöcken führt zum Altarraum hin, der bühnenartig gestaffelt erscheint und eine besondere künstlerische Ausgestaltung erfuhr. An seinem Eingang rechts steht die Kanzel mit ihrem turmartig gestalteten Schalldeckel. Dahinter verengt sich der Altarraum, gekennzeichnet durch Portale links zur Taufkapelle, rechts zur Sakristei sowie darüber zwei in Nischen stehenden monumentalen Holzfiguren, links Moses, rechts Johannes der Täufer. Während der Altaraufbau wie die gesamte Raumausstattung in Holz gearbeitet ist, wird der Blick auf drei farbige Glasfenster im polygonal abschließenden Altarraum gelenkt. Das linke Fenster zeigt die Geburt Christi, das rechte seine Kreuzigung. Das Mittelfenster stellt den „Gnadenstuhl“ dar: Gottvater weist den geopferten Leib Christi vor. Das ist ein Bildzeichen für die Versöhnung Gottes mit den Menschen. Dieses Bild  wie auch die beiden anderen Glasbilder sind  Werken Albrecht Dürers nachgestaltet. Alle Einzelelemente des Innenraums in Holz und Stuck , nicht zuletzt die schön geschmiedeten Gitter, alles ordnet sich der räumlichen Gesamtkonzeption unter. Das gelang den Architekten, weil die mitwirkenden Bildhauer, Glasgestalter, Stuckateure gewohnt und gewillt waren, der Wirkung des Ganzen zu dienen. Einige Namen seien genannt: Die Gestaltung aller Glasfenster geht auf die Firma Bruno Urban zurück, die großen Holzfiguren auf den Bildhauer Richard König. Die Modelle für Altar, Kanzel, Taufe und Lesepult schuf Curt Roch. Nach dessen Modellen führte die Holzschnitzerfirma Johannes Ludwig die kunstvollen Schnitzereien an Altar, Kanzel und Lesepult aus. Stuckateur war Hermann Hasenohr. Die kunstvollen Gitter entstanden in der Werkstatt von August Kühnscherf.

Blick in den Altarraum nach der Sanierung und Umgestaltung 1934

Nicht in allen Details ist der Originalzustand des Innenraums erhalten geblieben. Eine Erneuerung des Jahres 1934, als die Radebeuler Kirche den Namen Lutherkirche erhielt, stand unter keinem günstigen Stern. Der Kirchenvorstand verlangte eine Emporenerweiterung, die den Raum beengt. Erweitert wurde auch die Orgelempore. Die damals und später noch einmal erweiterte Jehmlich-Orgel erhielt einen freien Prospekt, der die ehemals auch im Raum wirksame Rosette im Turm verdeckt. Die schönen Beleuchtungskörper, flämische Kronen, wurden beseitigt. Eine sehr farbige Ausmalung störte den Raumcharakter, der durch eine weitere Restaurierung des Innenraums 1973 weitgehend zurück gewonnen wurde. Das Bronzegeläut der Dresdner Firma Albert Bierling, war schon dem ersten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Die 1921 angeschafften Stahlglocken waren ein nur notdürftiger Ersatz.  Mit den neuen Bronzeglocken wird der Lutherkirche Radebeul im Jahr 2008  – wieder gestimmt in Des-Dur – nicht nur ein Stück liturgischer Ausstattung zurückgegeben, sie wird auch als Gesamtkunstwerk aufgewertet.

Prof. Dr. Heinrich Magirius in der Festschrift zur Glockenweihe 2008

 letzte Aktualisierung: 27.05.2016
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