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Theaterpredigt "Verbrennungen" 2016

Zur Fabel von „Verbrennungen“  von Esther Undisz (Regie)

Die Geschichte von „Verbrennungen“ ist eine Geschichte des Trostes, das schreibt der Autor Wajdi Mouawad in seiner Zueignung des Stückes.

Wir werden mit verschiedenen Strategien in diese Geschichte verführt und verwickelt. Am Anfang ist da ein gerade erwachsenes Zwillingspärchen, ein junger Mann, Simon, und eine junge Frau, Jeanne, 22 Jahre alt. Sie sind aufgewachsen in einem Land wie Deutschland, dem sie sich verbunden fühlen, das ihre Heimat ist. Ihre Mutter, Nawal, ist gestorben, nachdem sie fünf Jahre geschwiegen hat und ihr Schweigen nie erklärt hat. Man kann also vermuten, dass die Zwillinge schon eine Weile ganz schön erwachsen sind, seitdem sie 17 waren hat ihre Mutter Ihnen keine Trost mehr spenden können, sie nicht gelobt, nicht mit ihnen geschimpft, sie hat geschwiegen. Jetzt erfahren die Zwillinge bei der Testamentseröffnung, dass ihr Vater noch lebt und dass sie noch einen Bruder haben. Beides ist neu. Über ihren Vater hieß es stets, er sei als Held im Bürgerkrieg des Herkunftslandes der Mutter gefallen. Von einem Bruder war nie die Rede. Sie sollen ihren Vater und ihren Bruder finden und jedem einen Brief bringen. Der Sohn reagiert mit Aggressionen auf dieses Testament, er ist Boxer, auf dem Weg zum Profi, er ist wütend und beschimpft die Mutter auf unflätige Weise. Die Tochter nimmt, sie ist Mathematikerin und pflegt einen anderen Umgang mit Gefühlen, den Brief und die Aufgabe als Erste an und beginnt nun, die Lebensgeschichte ihrer Mutter zu rekonstruieren. So ist der Einstieg in die Geschichte, die wie ein Krimi oder eine Recherche erzählt wird und zusammen mit den Zwillingen begeben wir Zuschauer uns auf die Reise in ein fernes Land, was irgendwo im mittleren Osten liegt.

Parallel zu diesem Erzählstrang, der aus der Gegenwart in die Vergangenheit startet, lernen wir in Rückblenden die Mutter persönlich in verschiedenen Zeiten ihres Lebens kennen.

Die Tochter beginnt zu recherchieren, sie findet den letzten Krankenpfleger ihrer Mutter, der ihr eine Kiste mit Kassetten übergibt, die er von Nawals Schweigen aufgenommen hat. Wir erleben ihre Mutter, Nawal, als junges Mädchen in einem winzigen Dorf, gerade 15 Jahre alt, verliebt und schwanger von einem Jungen aus einem Flüchtlingslager, der ihr gerade ein kleine rote Clownsnase geschenkt hat. Ihre  Mutter verbietet ihr das schwanger sein und lässt ihr als einzige Möglichkeit,  das Kind zur Welt zu bringen und es der Hebamme mitzugeben. Nawal darf ihr Kind nicht behalten. Ihr Geliebter, der Flüchtlingsjunge wird von seiner Familie weggebracht, jetzt hat Nawal alles verloren. Ihre Großmutter fordert auf dem Sterbebett von ihr das Versprechen, wegzugehen und zu lernen und wiederzukommen, um ihren Namen auf ihren Grabstein zu schreiben. Es wird der erste Name auf dem Friedhof sein.

Nawal verlässt das Dorf endgültig, Sawda ein Mädchen aus dem Flüchtlingslager schließt sich ihr an, sie will von ihr lernen. Nawal will ihren Sohn wiederfinden und beginnt eine Reise durch ein Land, was vom Bürgerkrieg erschüttert wird. Die Flüchtlinge, die aus dem Süden kamen, werden Opfer von Vergeltungsmaßnahmen und dann werden sie zu Tätern. Die Einheimischen werden auch zu Tätern und zu Opfern. Die Gewalt eskaliert jeden Tag ein wenig mehr, ein Ende ist nicht abzusehen. Nawal und Sawda arbeiten in einer Zeitung, sie begreifen das Wort als ihre Waffe, sie wollen aufklären. Eines Tages wird ihre ganze Zeitung zerstört, alle Mitglieder der Redaktion getötet, sogar die Unterstützer und die Leser werden getötet. Durch Zufall überleben Nawal und Sawda und suchen einen Weg, mit der eskalierenden Gewalt umzugehen. Nawal entscheidet sich für ein Attentat auf den Milizenführer, sie ermordet den Tyrannen, um damit ein Ende der Gewalt zu erreichen. Der Plan misslingt, die Gewalt eskaliert weiter. Sie überlebt und wird in ein Gefängnis eingesperrt und gefoltert. Die Folter ist eine immer wiederkehrende Vergewaltigung. Schließlich wird sie schwanger und muss die Geburt allein bewältigen.

In der Gegenwart gelingt es ihrer Tochter Jeanne, den Gefängniswärter zu finden, der ihr erzählt, dass er Nawals Kind, wie die vielen anderen Kinder vor ihm, in einem Eimer zum Fluss bringen sollte, um es dort zu ertränken, dass er es aber einem Bauern gab und deshalb beim Wechsel der Machtverhältnisse überlebt hat. Sie erfährt von dem Bauern, dass nicht ein Kind in dem Eimer war sondern Zwillinge, sie selbst war in dem Eimer. Ihr Bruder, mit dem sie telefoniert, öffnet das Schreibheft, dass er von seiner Mutter hinterlassen bekommen hat und liest darin ihre Zeugenaussage vor Gericht, als gegen den Kriegsverbrecher der Prozess geführt wurde. Der Folterer ihrer Mutter ist ihr Vater. Die Zwillinge haben ihren Vater gefunden und sind geschockt. Die Legende vom toten aber heldenhaften Vater war einfacher zu ertragen als ein lebender Vergewaltigervater. Trotzdem können sie jetzt nicht mehr aufhören das Rätsel ihrer Mutter zu lösen. Jetzt wollen sie die ganze Geschichte kennen.

Simon reist der Schwester mit dem Notar zusammen hinterher, sie finden die Spur des unbekannten Bruders, sie führt sie zu einem alten Kämpfer, unmöglich zu sagen, welcher Partei er angehört oder angehört hat. Aber er kannte den unbekannten Bruder, doch dieses Kennen bringt keine Erleichterung. Er erklärt Simon, dem Möchtegern-Profi-Boxer, wie er Nihad kennengelernt hat, einen jungen begabten Mann, der seine Mutter suchte und nicht finden konnte. Wie er ihn zum Heckenschützen ausbildete und er einer der besten wurde. Wie Nihad schließlich sieben Scharfschützen der Gegenpartei erschoss bevor er vom Gegner gefangengenommen wurde und von ihnen umgedreht wurde. Wie er schließlich als Spezialfolterer in das Gefängnis kam, in dem seine Mutter gefangen gehalten wurde, wie er sie unerkannt vergewaltigte und so zum Vater seiner Geschwister wurde. An dieser Stelle der Geschichte verstummt auch Simon für eine Zeit, der Zuschauer kann das verstehen.

Wir erleben Nihad in dem Kriegsverbrecherprozess, an dem Tag, nachdem die alte Nawal ihre Aussage gegen den Vergewaltiger gemacht hat und von Würde gesprochen hat. Der Täter macht jetzt seinerseits eine Aussage, er gibt alles zu, was ihm vorgeworfen wird und erzählt dann davon, dass er von seiner Mutter nur eine kleine rote Clownsnase bekommen hat, er sagt, sie hat mir eine Grimasse hinterlassen. Mehr hat er von seiner Mutter nie erfahren. In diesem Moment wusste Nawal, wer ihr Peiniger war und sie verstummte.

 

Wie kann eine solche Geschichte Trost spenden? Mit ihrem Ende. Die Mutter hatte den Zwillingen zwei Briefe hinterlassen, einen an den Vater der Zwillinge und einen an den Bruder, ihren Sohn. Der Brief an den Vater ist ein Brief mit Verachtung geschrieben, mit Hass, Nihad zerreißt ihn, nachdem er ihn gelesen hat. Der Brief an den Bruder, den Sohn ist ein Brief voller Liebe, so wie die junge Mutter ihm direkt nach seiner Geburt ihre bedingungslose Liebe geschworen hat und nun feststellt, wo Liebe ist, kann kein Hass sein. Und schließlich gibt es einen Brief an die Zwillinge, darin erklärt sie ihnen, dass sie es in der Hand haben, die Geschichte zu erzählen, als eine Geschichte der Liebe oder als eine Geschichte des Hasses. Fängt man bei der Geburt des Bruders an, dann ist es eine große Liebesgeschichte, beginnen wir bei den Zwillingen, dann ist es eine Geschichte von Gewalt.

Die Wahrheit wird euch frei machen

Predigt zur Inszenierung „Verbrennungen“ (Wajdi Mouawad)

Freitag, 11. November 2016, 19.30 Uhr Landesbühnen Sachsen / Studiobühne

Mitwirkende:    Thabet Azzawi (Gitarre), Abed Sarraf (Gitarre), Esther Undisz (Saxophon, Einführung), Björn Reinemer (Percussion), Uta Girod (Einführung), Christof Heinze (Predigt) 

Einführung in die Handlung

MUSIK

I
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

In dem Stück, von dem wir heute sprechen und das viele von ihnen gesehen haben, kommt Atemberaubendes und Erschütterndes ans Licht. Und es lässt in die finstersten Abgründe blicken. Ich bin unwillkürlich in Gedanken zurückgegangen zur ersten Theaterpredigt von 2009, aus der die folgenden Sätze stammen. Es ging damals angesichts der Tragödie von Ödipus um die Frage, wie wir Menschen in Sünde geraten und dann, im Rückblick, damit leben können. Ausgangspunkt war im vorherigen Absatz die „Überlistung“ des Ur-Menschenpaares in der Paradieserzählung gewesen (1Mose 2.4b ff.):

Wenn wir uns selbst, als Menschen unter Gott, im Bildpaar von Licht und Finsternis so betrachten – als „hinter’s Licht geführt“ – zuerst jede und jeder sich selbst, dann bleibt uns untereinander keine andere Möglichkeit, als miteinander barmherzig zu sein. Wir brauchen gegenseitige Nachsicht. Dem Leben aber, Gott gegenüber, würde „Nachsicht“ genau das heißen, was Mose im Wort hört, als er in den Konflikten der Wüstenwanderung im 2. Buch Mose um Sicherheit ringt und die Herrlichkeit Gottes „sehen“ will: Hinter Gott, hinter dem Geheimnis des Lebens können wir nur herschauen. Der direkte Blick ins Licht aber ist uns verwehrt. Die Gesichter Gottes aber („Gesicht“ bzw. „Angesicht“ steht im Hebräischen immer in der Mehrzahl) „werden nicht gesehen“, wie Martin Buber die Stelle (2Mose 33.23) kongenial übersetzt. „Du darfst hinter mir herschauen“ – so übersetzt Luther die einzige Möglichkeit, die Gott uns einräumt. Martin Buber hat es noch näher am Hebräischen, und da bekommt es eine eher zeitliche Bedeutung: „Du wirst mich im Nachhinein sehen“. Nur im „Nachsehen“, in der „Nachsicht“ lässt sich etwas erkennen vom Willen Gottes und vom Sinn des Lebens. Die tragische Verlorenheit des Menschen weckt, wo immer Menschen tiefer über sich selbst nachdenken, die Frage nach der  Gnade. Ohne Nachsicht und ohne Barmherzigkeit sind wir alle, ausnahmslos alle, verloren.

Diese Sätze stammen, wie gesagt, aus der ersten Theaterpredigt an den Landesbühnen Sachsen vom Mai 2009, zu „König Ödipus“ von Sophokles. Heute, sieben Jahre später, heißt das Thema der Ökumenischen Friedensdekade „Kriegsspuren“. Die Vorstellung am vergangenen Freitag und die Theaterpredigt heute gehören auch zum Programm der Friedensdekade. Wir betrachten das Schauspiel „Verbrennungen“ des Kanadiers Wajdi Mouawad, 1968 in Dair-al-Quamar im Libanon geboren und von dort als 8-jähriger Junge 1976 geflohen, zunächst nach Frankreich und später, 1983, nach Kanada. Eine enge Beziehung zu Frankreich hat er sich als Schauspieler, Regisseur, Romancier und Autor von Theaterstücken bis heute bewahrt.

„Verbrennungen“ ist eine Spurensuche, die einen erschüttert wie die Geschichte von Ödipus, der seinen Vater unwissend tötet und ebenso unwissend mit seiner Mutter schläft. Der herbeiführt, was er doch unbedingt vermeiden will. In der tief schmerzenden und zugleich befreienden Erschütterung berühren sich die beiden Stoffe, obwohl Jahrtausende zwischen ihnen liegen. Aristoteles hat von der griechischen Tragödie eine emotionale Erschütterung gefordert. Jammern (eleos) und Schaudern (phobos) sind für ihn die Voraussetzungen, um eine Reinigung der Seele (katharsis) möglich zu machen. Wajdi Mouawad hat Ähnliches im Sinn. Das Programmheft zu „Verbrennungen“ am Münchener Volkstheater zitiert ihn mit den Worten, „dass man das Theater, im Gegensatz zu Waffen, nicht auseinandernehmen kann, um es zu reinigen, vielmehr nimmt das Theater uns auseinander, um uns zu reinigen." Von schmerzhafter Reinigung kann er sprechen, von „gnadenlosem Trost“. Darum kam mir sofort ein Wort in den Sinn aus dem Johannesevangelium, das schon wieder hineinkomponiert ist in die Konflikte um frühe christliche Gemeinden ein Menschenalter nach Ostern. Dort sagt Christus den Satz, der mir zuerst einfiel und den ich auch heute noch über diese Theaterpredigt stellen will: „Die Wahrheit wird euch frei machen“. Vollständig heißt der Vers 32 im 8. Kapitel: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ In den Abschiedreden des vierten Evangeliums dreht sich das ganze Vermächtnis des scheidenden Christus dann um die Liebe: „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe“ (Jo 15.12). Und um den kommenden Geist, der seine Menschen in alle Wahrheit leitet und sie zugleich tröstet (Jo 15.26; 16.13): Die Wahrheit schmerzt erst einmal bis ins tiefste Innere. Dann aber, erst dann, macht sie frei. Nichts, gar nichts verstehen die geschmerzten Schüler Jesu in den Abschiedsreden, das zeigen ihre völlig ratlosen Zwischenfragen. „Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könntet es jetzt nicht ertragen“ (Jo 16.12), sagt Christus zu seinen verständnislosen Jüngern. Der Weg zur Wahrheit ist schwer und schmerzhaft, auch in unserem Stück. Zur Wahrheit führt er nur, wenn er auch gegangen wird, Schritt um Schritt, ohne etwas zu übergehen oder zu überspringen. Und er hat mit Liebe zu tun, dieser Weg, das spürt man im Johannesevangelium immer wieder, auch wenn man nicht so vertraut ist mit seiner komplizierten und oft auch rätselhaften Theologie.

Unser Stück erzählt eine schmerzhafte Geschichte. Im Mittelpunkt steht eine Tote und ihr rätselhaftes Vermächtnis. Nawal Marwan ist gestorben. Ihre Kinder, die Zwillinge Jeanne und Simon sollen sie beerben und sind zu Beginn des Stückes beim Notar zur Testamentseröffnung. Vor fünf Jahren ist ihre Mutter verstummt. Von einem Tag zum anderen hat sie aufgehört zu sprechen. Dann hat sie einen einzigen Satz gesprochen: „Jetzt, da wir zusammen sind, geht es besser“, und dann ist sie gestorben. Ihren ratlosen Kindern hinterlässt sie zwei Briefe. Die Tochter soll ihren dem Vater übergeben – der angeblich ein Held und schon lange tot ist. Simon, der Sohn soll seinen dem Bruder geben, von dem die Zwillinge noch nie gehört hatten, dass sie ihn haben. Die beiden Kinder sollen die Briefe an sich nehmen, sie nicht öffnen und einen an ihren Vater und einen an ihren Bruder übergeben, in einem fernen Land, das sie nicht kennen und das zerrissen ist von Terror und Gewalt. Bis dahin soll die Mutter, die ohne Sarg, mit dem Gesicht zur Erde begraben werden will, keinen Stein auf ihrem Grab haben. Erst, wenn die Zwillinge ihre Aufträge erfüllt haben, soll ein Grabstein und der Name der Mutter dort stehen.

Simon, der Boxer, reagiert mit Wutausbrüchen. Jeanne, seine Zwillingsschwester, begeistert sich für die Mathematik und mag sich so vielleicht darüber trösten wollen, dass das Leben so rätselhaft ist und so unberechenbar. Der letzte Pfleger ihrer Mutter übergibt ihr eine Kiste mit Tonbandkassetten aufgenommenen Schweigens, die sie sich alle anhört. Durch ein mathematisches Gesetz, das dem Publikum vorgeführt wird, beginnt sie darüber nachzudenken, dass etwas Unlogisches trotzdem wahr sein könnte. Also macht sie sich auf den Weg und zieht den Bruder später mit. Die Suche führt die Geschwister in die Heimat ihrer Mutter, in den Nahen Osten. Es ist eine Reise in eine Vergangenheit aus Hass, Gewalt und Krieg – und einer großen Liebe, die nicht gelebt werden durfte. Was die Zwillinge nun über die Geschichte ihrer Mutter, ihrer Familie und damit auch über sich selbst herausfinden, wird am Ende alles erschüttern, woran sie bisher geglaubt hatten. Die Mutter wird ihnen einen einschneidenden Schmerz zumuten. Und sie auf den Weg schicken, „die Wahrheit zu erkennen“, nur in der Hoffnung, dass sie ihr gewachsen sind und ohne die Möglichkeit, ihnen noch selbst helfen zu können. Wird die Wahrheit sie frei machen?

MUSIK

II

Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Der Christus des Johannesevangeliums spricht so zu denen, die ihn nicht verstehen, vielleicht gar nicht verstehen wollen. Ihre religiösen Urteile stehen fest, Veränderungen werden als Gefahr und als Bedrohung empfunden. Was aber ist Wahrheit im Krieg? Ist nicht schon oft bemerkt worden, dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist? Wie in „Kriegsspuren“ Wahrheit suchen, im Strudel furchtbarer Verletzungen, von Gewalt und Angst, Selbstsucht und Grausamkeit, Mord und Vergeltung? Wie kann die Wahrheit – wenn sie da überhaupt zu finden ist – befreien und trösten?

Wajdi Mouawads Familie ist vor dem libanesischen Bürgerkrieg geflohen, aus dem Nahen Osten, wo sich die Gewaltgeschichte Europas und des Orients wie in einem Brennglas bündelt. Es fällt ja auf, dass in „Verbrennungen“ nie das Wort „Libanon“ fällt, immer hören wir von „dem Land“, wo die Mutter vor der Lebenszeit der Zwillinge gelebt und gelitten hat, und wohin sie nun auf den Weg geschickt werden. Wir hören in dem Stück kein Wort darüber, welche muslimischen oder christlichen Terrormilizen welche Tat verübt oder wofür Rache genommen haben, all diese Schlagwörter kommen nicht vor – „die Palästinenser“, „die Israelis“ – und nach Wajdi Mouawads eigener Aussage ist das bewusst so. „Erst mit 24, 25 Jahren“, so sagt er in einem Interview, das Sie auch im Programmheft finden, „wurde ich mir dieser Vergangenheit bewusst, sie kehrte plötzlich mit Macht zurück, während ich mit Schrecken feststellen musste: Ich konnte weder arabisch lesen noch sprechen, ich wusste nicht das geringste über den Libanon, ich hatte keine Ahnung von diesem Krieg. Ich wusste nicht mehr, warum ich lebte, wo ich lebte und warum ich der war, der ich war. Zu allem Überfluss fühlte ich mich in Quebec überhaupt nicht zu Hause, und so hatte ich plötzlich … das dringende Bedürfnis zu verstehen.“

Der libanesische Bürgerkrieg, ohne den wir vieles nicht begreifen, was wir heute mit Schrecken sehen im Nahen Osten und weltweit, dauerte anderthalb Jahrzehnte von 1975 bis 1990. Er hat mindestens 90.000 Tote gefordert, es gab 115.000 Verletzte und 20.000 Vermisste, 800.000 Menschen flohen ins Ausland, oft nach Syrien, von Mai 1991 bis 2005 war der Libanon praktisch ein syrisches „Protektorat“. Schon seit 1916, als Briten und Franzosen mit dem Lineal die Grenzen der Region gezogen haben, gab es, wie überall im Orient, starke Spannungen zwischen prowestlichen Christen und arabischen Nationalisten, die die Religion in einem politischen und militanten Sinne verstehen und für ihre Ziele einsetzen wollten, ohne freilich zu bemerken, in welchem Maße auch sie benutzt werden und von wem. Zur Wahrheit dieses Krieges gehören entsetzliche Terrortaten und grausame Racheakte. Wer im Westen erinnert sich noch an die Massaker von Karantina und Maslakh am 18. Januar 1976, als die „Wächter der Zedern“ und andere christliche Terrormilizen über 1000 palästinensische und libanesische Zivilisten abschlachteten, fast alle Schiiten, als die staatlichen Strukturen des Libanon bereits zusammengebrochen waren und Beirut in das muslimische West- und das christliche Ost-Beirut gespalten war? Im Gegenzug wurden in dem christlichen Dorf Damur hunderte von Zivilisten durch palästinensische Freischärler und muslimische Gruppen massakriert. Auch bei uns nie vergessen werden sollten die Menschen in den beiden Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Dort drangen am Abend des 16. September 1982 etwa 150 christliche Phalangisten in die Flüchtlingslager ein, zwei Tage nach der Ermordung des drei Wochen zuvor gewählten libanesischen Präsidenten Baschir Gemayel. Je nach Quelle fanden 500 bis 3.000 Menschen bei diesem Terrormassaker den Tod, darunter viele Kinder und Frauen, die man vergewaltigte, verstümmelte und tötete. Leider Gottes wäre es abendfüllend, die Terrorakte, Gräueltaten und Vergeltungsaktionen dieses Krieges aufzuführen, die von den verschiedenen Parteien in wechselnden Koalitionen verübt worden sind. Wajdi Mouawad nennt keine Namen, niemals, von Religionen oder Nationen. Er hat kein Interesse daran, alles Böse einer Gruppe zuzuschreiben und andere ausschließlich als Opfer zu betrachten, am liebsten natürlich die eigene Gruppe, Nationalität, Religion und so weiter. Die gegenseitige Aufrechnung von Gewalt und Gegengewalt interessiert ihn nicht. Das heißt nicht, etwas zu verschweigen oder zu vergessen. Die Szene von Nawal und Sawda mit dem Arzt im Waisenhaus von Kfar Rayat macht das deutlich:

   NAWAL     Ist das das Waisenhaus von Kfar Rayat? Wo sind die Kinder?
   DER ARZT     Hier sind keine Kinder mehr.
   NAWAL     Warum?
   DER ARZT     Das ist der Krieg.
   SAWDA     Welcher Krieg?
   DER ARZT      Wer weiß...? Keiner versteht es. Ein Krieg. Aber welcher Krieg? Einmal kamen 500.000 Flüchtlinge über die Grenze. Sie haben gesagt: »Sie haben uns von unserem Land vertrieben, lasst uns hier bei euch leben.« Einige Leute von hier sagten ja, einige Leute von hier sagten nein, einige Leute von hier flohen. Millionen Schicksale. Man weiß nicht mehr, wer auf wen schießt, noch warum. Das ist der Krieg.
   NAWAL     Und die Kinder, die hier waren, wo sind die?
   DER ARZT      Es ging alles sehr schnell. Die Flüchtlinge sind gekommen. Sie haben alle mitgenommen. Sogar die Neugeborenen.
   SAWDA     Und warum haben die Flüchtlinge die Kinder entführt? 
   DER ARZT     Um sich zu rächen. Vor zwei Tagen hat die Miliz drei jugendliche Flüchtlinge aufgehängt, die sich außerhalb der Lager herumtrieben. Warum die Miliz drei Jugendliche aufgehängt hat? Weil zwei Flüchtlinge aus dem Lager ein Mädchen aus dem Dorf von Kfar Samira vergewaltigt und getötet hatten. Warum die beiden Typen das Mädchen vergewaltigt haben? Weil die Miliz eine Flüchtlingsfamilie gesteinigt hatte. Warum sie sie gesteinigt haben? Weil die Flüchtlinge ein Haus abgebrannt hatten. Warum die Flüchtlinge das Haus abgebrannt haben? Um sich an den Milizionären zu rächen, die einen Brunnen zerstört haben. Warum die Miliz den Brunnen zerstört hat? Weil die Flüchtlinge die Ernte verbrannt hatten. Warum sie die Ernte verbrannt haben? Es gibt sicher einen Grund, mein Gedächtnis hört dort auf.

All diese Erinnerungen des Arztes sind „Kriegsspuren“, um es mit dem Themenwort dieser
Friedensdekade zu sagen, Erinnerungen an Menschen, die nicht vergessen werden dürfen.
„Die Wahrheit erkennen“ bedeutet viel Schmerz und Ohnmacht. Und in der Trauer über jeden
einzelnen Menschen steckt die Versuchung zum Hass. Es ist die Großmutter, die ihr hilft, 
gegen diese Versuchung zu kämpfen, so gut sie kann. Es ist aber auch die Sehnsucht nach ih-
rem Sohn, an das Kind ihrer großen Liebe, das man ihr wegnahm und das sie wiederfinden
möchte. Eigentlich ist es die Liebe, die sie auf die Spur bringt, die in diesen Worten Jesu ge-
legt ist, als Urabsicht Gottes für alle Menschen. Die wir im fünften Kapitel bei Matthäus so
finden:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch:  Liebt eure Feinde und  bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?                                      Matthäus 5.43-47a
Jesus radikalisiert und provoziert. Wajdi Mouawad macht es ähnlich, indem er den groben, holzschnittartigen Feind- und Zerrbildern, mit denen der Krieg gefüttert und gerechtfertigt wird, das allereinfachste entgegenstellt: Nawals Großmutter, Wahab - ihre große Liebe, das Kind. Nawal erklärt Sawda, warum sie selbst gegen den Hass kämpfen will, gegen den Drang, in dieses nicht enden wollende Spirale des Hasses auch selbst einzusteigen. Das gelingt ihr nicht ganz, sie wird den Anführer der Milizen töten. Sawda hatte ihr gerade von einer Frau erzählt, die Schreckliches erlebt hat. Aber Nawal spricht zu Sawda so:

 

NAWAL    Als man mir meinen Sohn erst aus dem Bauch, dann aus den Armen, dann aus dem Leben gerissen hat, habe ich verstanden, dass man sich entscheiden muss: Entweder ich verwüste die Welt, oder ich tue alles, um ihn wiederzufinden. Und jeden Tag denke ich an ihn. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt, ein Alter zum Töten und ein Alter zum Sterben, ein Alter zum Lieben und ein Alter zum Leiden; woran, glaubst du, denke ich also, wenn ich dir das alles erzähle? Ich denke an seinen sicheren Tod, an meine unsinnige Suche, daran, dass ich für immer unvollständig sein werde, weil er aus meinem Leben getreten ist und ich seinen Körper nie dort vor mir sehen werde. Glaube nicht, dass ich den Schmerz dieser Frau nicht empfände. Er ist in mir wie ein Gift. Und ich schwöre dir, Sawda, ich wäre die Erste, die zu Granaten, zu Dynamit, zu Bomben und allem, was weh tun kann, greifen würde, ich würde es mir umhängen, es schlucken und ginge geradewegs mitten unter diese Idioten und würde mich mit einer Freude in die Luft sprengen, die du nicht einmal ahnst. Aber ich habe ein Versprechen gegeben, einer alten Frau ein Versprechen gegeben, lesen zu lernen, schreiben und sprechen, um dem Elend zu entkommen, dem Hass zu entkommen. Und ich halte mich daran, an dieses Versprechen. Koste es, was es wolle. Niemanden hassen, niemals. Versprechen an eine alte Frau, die mir geholfen, die sich um mich gekümmert und mich gerettet hat.

Nawal schreibt den Namen ihrer Großmutter später in arbaischen Buchstaben auf ihren Grabstein. Überhaupt lernen die Frauen der Geschichte immerzu voneinander – das Sprechen, das Schreiben, das Lesen, das Singen. Wajdi Mouawad hat gern darauf hingewiesen, dass „Verbrennungen“ nicht einfach ein Stück über den Krieg sei. Dass es auch nicht einfach darum geht, dass man „seine Wurzeln kennen“ muss. Wir haben die Wahl, welche Geschichten wir glauben. Nicht in dem Sinne, dass wir einer bestimmten Darstellung folgen, also der Frage, was genau passiert ist oder in dem Sinne, was aus dem Angebot vermeintlicher „Fakten“ wir für bare Münze nehmen wollen. Sondern in dem Sinne, auf welche Geschichten wir vertrauen, auf welche wir bauen und unsere Hoffnungen setzen.

Es ist die schlichte Menschlichkeit, die allen Verbrämungen der Gewalt die Maske abnimmt. „Die Welt ist im Krieg, weil sie den Frieden verloren hat“, sagte Papst Franziskus am 27. Juli. „Sie ist aber nicht in einem Krieg der Religionen, sondern in einem Krieg der Interessen, des Geldes und der Ressourcen.“ Ganz ähnlich beschreibt es Wolf Banitzki in seiner Kritik zur Münchner Inszenierung von „Verbrennungen“ am Volkstheater: „Man kann diesen Krieg getrost als einen Wahnsinn bezeichnen, denn die einzig feste Größe daran war, dass der Wahn nicht abriss. Das wirklich Wahnsinnige an so genannten ‚Bürgerkriegen’ ist, dass sie erst beendet werden, wenn sie keinem Zweck mehr dienen, wenn die wirtschaftlichen und ideologischen Ressourcen dieses Krieges erschöpft sind. Krieg ist nichts Schicksalhaftes, sondern ein Wirtschaftszweig. Krieg regelt Machtverhältnisse, neue Märkte und kurbelt die Wirtschaft an. Ein Wirtschaftszweig unter vielen.“ Hier kommt die Klarheit im Denken an die Schmerzgrenze, aber eben nicht aus dem Zynismus, sondern aus dem Mitgefühl und aus der Verwundbarkeit. Nawal lehnte es grundsätzlich ab, nach dem Prinzip "Auge um Auge" zu handeln. Sie sieht – ganz im Sinne Jesu und seiner Provokation zur Feindesliebe – den einzig realistischen, den einzig möglichen Ausweg aus diesem Krieg und allen Kriegen schlechthin. Wie Jesus seinen Jüngern hinterlässt sie ihren Kindern dabei nicht nur eine Geschichte, sondern viele Geschichten um die eine herum. Und keine fertige Antwort. Sie hinterlässt ihnen eine Frage, die offen bleibt und gegenüber der sie sich werden entscheiden müssen. Nicht mit der Boxerfaust und nicht mit mathematischen Wenn-dann-Formeln. Sondern einzig und allein mit dem Herzen.

MUSIK

 III 

 Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. So lesen wir im Johannesevangelium Kapitel 8, Vers 32, und so erzählt es unser Stück. Dieser Weg ist schmerzhaft und schwer, da wie dort. Jesus begegnet im Johannesevangelium Kaiphas und Pilatus, den gelangweilten Soldaten, die ihm eine Dornenkrone flechten (Jo 19.2), um seine Kleider würfeln (Jo 19.23-24) und ihm ins Gesicht schlagen (Jo 19.3). Nawal, Jannaane und Sarwane – so hießen Jeanne und Simon auf Arabisch und im Libanon – begegnen dem Scharfschützen Nihan, der sich beim Töten langweilt und sich die Langeweile mit Gesang vertreibt, und Abou Tarek, dem Folterer und Vergewaltiger im Gefängnis von Kfar Rayat. Nihan und Abou Tarek sind ein und dieselbe Person. Ein Mensch, der nach Liebe gesucht und sie nicht gefunden hat. Der Abschied nahm von seinen Gefühlen. Der seine Mutter vergewaltigt hat, ohne sich dessen bewusst zu sein, was er tut, in gar keiner Hinsicht. Jeanne und Simon müssen am Ende ihrer Reise begreifen, dass er ein Bruder ist, ihr Bruder. Und zugleich ihr Vater. Das Kind, das ihrer Mutter weggenommen wurde in einer Welt, wo männliches Besitzrecht in Moralvorstellungen gegossen ist und über Frauen und Kinder bestimmt, wofür dann immer auch gern die Religion herhalten muss, welche auch immer.

Die Clownsnase, ein Bild der Innigkeit und der Liebe, der Heiterkeit und der Hoffnung seiner Eltern, die man trennte und ihnen das Kind wegnahm – er kann mit ihr nichts anfangen. Den Brief an den Vater, von Jeanne überreicht, zerreißt er. Er  ist von der Frau, die singt, Nutte Nummer 72 im Gefängnis von Kfar Rayat. Darin schreibt Nawal den Satz: „Bald werden Sie schweigen. Ich weiß es. Das Schweigen gilt für alle, vor der Wahrheit.“ Den zweiten Brief an ihn wird er nicht zerreißen. Er bekommt ihn von seiner Mutter. Simon, der Bruder, übergibt ihn. Er ist an den Sohn, nicht an den Henker. Er ist voll von den Bildern der Liebe, von Nawals und Wahabs verliebtem Lachen, von der Clownsnase, die er jetzt erst versteht, vom Ozean der Liebe, der im Kopf explodiert und die Liebenden verbindet. Aus dieser innigen Liebe stammt der Satz, der den Krieger wahrscheinlich umhaut: Nichts ist schöner als zusammen zu sein, der letzte Satz, den Nawal mitgenommen hat von ihrem Liebsten – Wahab, Nihans Vater. Simons Vater. Jeannes Vater.

Was in der Kiste war, ist ausgepackt und ist nun sichtbar. Drei Kinder, Nihan und seine Zwillingsgeschwister, die man in einem Wassereimer in die Welt trug. Drei Eimer Wasser wollte Nawal bei ihrem Begräbnis, um sie ihr über den Leib zu gießen. So wie ich drei Hände Erde nehme bei jeder Bestattung, um an die Taufe zu erinnern – da war es dreimal Wasser – und  an unser aller Zugehörigkeit zur Erde. Das Rätsel dieses Wunsches ihrer Mutter für ihre Bestattung – es  bleibt auch ungelöst, nachdem die Zwillinge so viel herausgefunden haben. Es bleibt ein Geheimnis. Das Geheimnis des Lebens kann man nur im Nachhinein sehen. Wahrheit heißt nicht, dass es kein Geheimnis mehr gibt. Sie macht aber frei. Die Mutter kann nun einen Grabstein bekommen, und ihr Name wird darauf geschrieben: Nawal Marwan. Und ihre Kinder? Sie haben Tee getrunken mit vielen Menschen, die sie in Kanada nie getroffen hätten. Sie haben etwas geahnt von der Zusammengehörigkeit aller Menschen und müssen nun damit weiterleben. Es ist auch hier ein wenig wie im Johannesevangelium, wo der gekreuzigte Jesus von Nazareth seine Mutter verbindet mit dem Jünger, den er geliebt hat (Jo 19.25-27). Im Schönen und im Schrecklichen sind wir Menschen miteinander verwandt und viel ähnlicher, als wir gedacht hätten. Wundert es Sie da noch, dass es in dem Stück nie das Wort „Libanon“ gibt? Nie Worte wie „Palästinenser“, „Libanesen“, „Israelis“, „Christen“, „Muslime“? Weil wir Menschen sind, die im Guten wie im Bösen auseinander hervorgehen und miteinander verbunden sind. Frei sind wir, wenn wir das – nein, nicht verstehen. Nicht begreifen, eher zu ahnen und zu glauben beginnen. Ich kann nicht sagen warum, aber ich hatte nasse Augen bei den Zahlen, die Jeanne auf die Bühne schreibt, mitten in den letzten Entdeckungen und Erkenntnissen. Dass man immer bei EINS ankommt, wenn man eine gerade Zahl durch zwei teilt und eine ungerade mit drei multipliziert und eins addiert, dasselbe mit der Zahl, die man erhält, und so weiter. Was hat mich da berührt? Die Zusammengehörigkeit aller Menschen in Gott, egal wie man es dreht und wendet? Oder dies:

Dass man das mathematisch nie beweisen, sondern nur immer wieder versuchen kann und dabei erfahren: Es geht?

Wo Liebe ist, kann kein Hass sein. Dieser Satz steht in Nawals Brief an Nihad, ihren Sohn, nach dem sie sich so gesehnt hat und dem sie das schreibt, nachdem sie begreifen musste, wer er war in ihrem Leben. „Jetzt, wo wir zusammen sind, geht es besser“ – das ist Nawals letzter Satz im Leben. Er ist mit Wahab verbunden, ihrer großen Liebe, zerstört von den eigenen Eltern und Großeltern. Vielleicht aber auch mit allen Menschen, bei allem Schmerz, der kaum zu ertragen ist. Wir sind eine Familie, eine Familie aus Opfern und Tätern. „Für euch ist mir zum Schluss der Wunsch geblieben: Wer einen Menschen liebt, soll alles Menschliche lieben.“ So beendet Gottfried Reinhardt, der verstorbene Kunstpreisträger unserer Stadt Radebeul, sein Puppentheaterstück „Iphigenie“, eine Tragödie.

Auch die Zwillinge bekommen einen Brief. Sie müssen sich nun entscheiden, wie wir alle, worauf sie wesentlich vertrauen wollen: Auf die Liebe oder auf die Gewalt.

 

               Jeanne, Simon,
               Wo beginnt eure Geschichte?
               Mit eurer Geburt?
               Dann beginnt sie im Schrecken.
               Mit der Geburt eures Vaters?
               Dann ist sie eine große Liebesgeschichte.
               Aber wenn man weiter zurückgeht
               Entdeckt man vielleicht, dass diese Liebesgeschichte
               Im Blut, in der Vergewaltigung entspringt
               Und dass wiederum
               Der Blutrünstige und Vergewaltiger
               Von der Liebe abstammt.
               Jeanne, Simon
               Warum ich euch nichts gesagt habe?
               Es gibt Wahrheiten, die nur unter der Bedingung aufgedeckt werden können, dass
               sie entdeckt werden.
               Ihr habt den Umschlag geöffnet, ihr habt das Schweigen gebrochen.
               Schreibt meinen Namen auf den Stein
               Und setzt den Stein auf mein Grab.
               Eure Mutter.

Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Ich danke Ihnen, dass Sie so lange zugehört haben. Und ich bin dankbar für diese Inszenierung und für dieses wunderbare Stück, das mir so viel abverlangt und so viel geschenkt hat. Und für die wunderbare Musik heute Abend, die wir jetzt noch einmal hören und in der auch das erklingt: Dass wir in Freude und Schmerz zusammengehören, auch mit der Schuld und den Verletzungen in unseren Geschichten, wir Menschen, um Gottes willen: wir alle.

MUSIK

Redakteur: Mathias Meitzner  - letzte Aktualisierung: 16.05.2017
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