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Datum: 15. Dezember 2017 - 07:07 Uhr

Der Glaube in der Wirklichkeit der Welt

Predigt zu Damian Crudens Inszenierung „In Gottes eigenem Land“ (Olaf Hörbe)

Sonntag, 14. Mai 2017, 19.30 Uhr Landesbühnen Sachsen

Mitwirkende:            

Gislea Kahl

Lutherkantorei Radebeul

Posaunenchor der Lutherkirche

KMD Gottfried Trepte

Pf. Christof Heinze


Der geschriebene Text kann vom gesprochenen Wort abweichen.

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Bläser-Intrade

Begrüßung, Kurzfilm zur Inszenierung

Chor:

J.Walter, G.Schöne; Wach auf, wach auf, du deutsches Land (EG 145)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

sehr herzlich danke ich Ihnen im Namen aller Mitwirkenden für Ihr Interesse an der Theaterpredigt heute Abend in den Landesbühnen Sachsen. Für mich ist die Predigt im Theater mittlerweile nicht mehr ganz neu und doch an diesem Abend etwas Besonderes, ist es doch das erste Mal, dass sie sich auf eine Uraufführung bezieht. Und nach Stoffen wie „Antigone“ und „Ödipus“, dem „kaukasischen Kreidekreis“ vom großen Brecht, Tschechows „Drei Schwestern“, dem Johanna-Projekt, Roland Topors „Ein Winter unterm Tisch“ und zuletzt „Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad spricht mich das großartige Theaterprojekt „In Gottes eigenem Land“ im 500. Jahr nach der Reformation ganz unmittelbar auf die Geschichte meiner eigenen Religion an, und mit mir die Kirchgemeinden in Radebeul und anderenorts. Das kann man in dieser Hinsicht nur mit Lessings „Nathan der Weise“ vergleichen, das in der Lutherkirche Premiere hatte und nach dem wir auf eine Theaterpredigt im sonstigen Sinne verzichtet haben und statt dessen – weil uns das allein als angemessen erschien – mit jüdischen und muslimischen Gesprächspartnern über das Stück gesprochen haben, in der Dresdner Synagoge als Gäste der jüdischen Gemeinde, wunderbar moderiert von Karl-Heinz Möller, den ich gut und gerne als den Vater“ der Theaterpredigten bezeichne und dem ich dafür sehr dankbar bin.

Nun gab es immer mitwirkende Gäste in den Theaterpredigten, Kristina Bischoff und Saskia Kaul als Partnerinnen für eine Dialogpredigt und darüber hinaus die verschiedensten Musikerinnen und Musiker. Der vierte Sonntag nach Ostern heißt in der evangelischen Tradition „Kantate“ und ist gewissermaßen der „Ehrentag“ der protestantischen Kirchenmusik, und so stehen an diesem Abend stellvertretend für alle haupt- und vor allem ehrenamtlich Musizierenden Menschen mit auf der Bühne, die Sie sonst bei unseren Gottesdiensten und kirchenmusikalischen Veranstaltungen erleben können – die Lutherkantorei, passenderweise auch deshalb, weil ihre Sängerinnen und Sänger zusammen mit vielen anderen ja auch in den Vorstellungen seit der Uraufführung am 29. April zu hören waren, und mit ihr unser Posaunenchor, das Bläserensemble der Lutherkirche, beide unter der Leitung unseres Kantors Gottfried Trepte und stellvertretend für die Männer und Frauen aus Volks- und Kirchenchören, die mitgewirkt haben oder noch mitwirken werden.

Wir hören heute abend geistliche Musik aus beinahe allen Jahrhunderten nach der Reformation, und begonnen haben wir mit Johann Walter, der das Lied „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ im Jahre 1560 als Weckruf verstanden wissen wollte gegen den Verfall des Lebens und des Glaubens im Land der Reformation. Man kann Johann Walter als Urbild des evangelischen Kantors bezeichnen, als den Kantor der Reformation. Er war Hofkomponist Friedrichs des Weisen, und man kann ihn den Begründer der ersten deutschen Kantorei nennen, schon 1525 in Torgau, wo er die meiste Zeit seines Dienstes gewirkt hat. Sein Choral „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ wurde vor zwei Jahrzehnten wieder in das damals neue Evangelische Gesangbuch aufgenommen, nun nicht mehr unter einer Rubrik „Für Volk und Vaterland“, sondern als ein Lied der Buße und des Rufes zur Umkehr. Es gab Bedenken dagegen, weil die Gemeinden hellhörig geworden sind, wenn von einem besonderen Auftrag die Rede ist, den Gott Deutschland oder den Deutschen gegeben habe. Da fällt vielen heute leider eben nicht die Reformation, sondern Deutschtümelei und rechtes Gedankengut ein. In der Nazizeit war es auf die erste Strophe reduziert und so als ein religiöses „Deutschland erwache“ missbraucht worden. Heute abend haben wir es gehört mit zwei Strophen, die der Liedermacher Gerhard Schöne nach der alten Choralmelodie hinzugefügt hat. Die musikalischen Akzente dieses Abends sollen auf etwas hinweisen, was für die Reformation der Ausdruck ihrer Herzmitte war. Das waren ja nicht nur der Verzicht auf Gewissensdruck und unechte Bindungen und die Überzeugung, dass das Gemeinsame nicht von oben verordnet werden kann, sondern von unten wachsen muss. Es waren auch die Entdeckung des Individuums, die Gewissensfreiheit und das Recht jedes Einzelnen, seine eigene Stimme zu haben und sich mit ihr ausdrücken zu dürfen – das „Priestertum aller Glaubenden“, also das Recht jedes Menschen auf Teilhabe und Mitgestaltung. Diese Herzensdinge der Reformation sind im Gesang abgebildet und ausgedrückt. Das war uns am Kantate-Sonntag wichtig. Stefan Rhein hat das an einer Anekdote verdeutlicht in seinem Vortrag „Zu Luthers Aktualität“, den Sie auszugsweise auch im Programmheft finden: „Ich will Ihnen kurz eine verbürgte Begebenheit aus dem 16. Jahrhundert erzählen: Ein Bürgermeister war sich nicht im Klaren, ob die Gottesdienste in seiner Stadt schon nach dem neuen Ritus verlaufen, also dem evangelischen. Er schickt einen Diener in die Kirche, gleichsam als Spion. Der kommt nach kurzer Zeit zurück und ruft: ‚Hilfe, die singen – alle!’ Damit wusste dieser Bürgermeister: seine Stadt war evangelisch geworden. Denn nun war jeder Gläubige ausgestattet mit einer eigenen Stimme, war aktiver Teilnehmer, ja Mitgestalter des Gottesdienstes“ Hier im Theater ist dieses reformatorische Prinzip der Teilhabe aller in der Inszenierung von „In Gottes eigenem Land“ durch die „community players“ und eben auch die „community singers“ in großartiger Weise verwirklicht worden, das Zusammenwirken von Profession und Laien-Engagement als Teil der vorzüglichen Regiearbeit von Damian Cruden. Auch dafür stehen die Musikerinnen und Musiker heute abend mit auf der Bühne. Im Sinne Damian Crudens kann man sagen: Sie umrahmen die Theaterpredigt nicht, sie sind ein Teil davon.

Der Glaube in der Wirklichkeit der Welt – unter diese Überschrift will ich das Ganze stellen. Mühlenberg traf mit seinem Glauben auf eine neue und fremde Wirklichkeit, die sich in Europa niemand vorstellen konnte. Es gab keine Vorbilder für das, was zu tun war. Aber warum sollte uns das interessieren? Über 300 Millionen Menschen sind auf unserem Planeten unterwegs, ob auf der Flucht oder einfach auf der Suche nach einem besseren Leben. Das ihre Zahl in den kommenden Jahrzehnten erheblich ansteigen wird, wird sich – was immer wir auch versuchen – nicht vermeiden lassen. Vermutlich werden wir damit etwas erleben, womit die Wirklichkeit der Welt in unsere wohlgeordneten und beinahe unwirklich komfortablen Verhältnisse einbricht – aber was davon ist eigentlich neu, verglichen mit anderen Epochen der Weltgeschichte seit Menschengedenken? Wir müssen uns also dazu verhalten, und es gibt wie jedes Mal in der Menschengeschichte keine Vorbilder, die man einfach nur kopieren könnte, um zurecht zu kommen. Das verbindet die Wandernden mit denen, die irgendwo schon länger leben und dort bleiben wollen. Und es verbindet sie noch etwas: Wenn wir nicht verzweifeln, überhaupt etwas hoffen und darüber hinaus unsere Menschlichkeit nicht vollends verlieren wollen in den Konflikten, die damit schon jetzt verbunden sind, dann brauchen wir Vertrauen, und das griechische Wort dafür übersetzt Luther immer mit einem Wort: Glaube. Der Glaube in der Wirklichkeit der Welt – das ist also mein Thema, weil ich meine, dass es unser Thema ist. „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ also im Sinne von: Willkommen in der Wirklichkeit. Wie jeder Mensch brauche ich die Hoffnung, dass im Gehen ein Weg entsteht, dass ich im Vertrauen gehen kann, wo ich doch noch nicht einmal das sehen kann, was hinter der nächsten Biegung liegt, direkt vor mir. Für Menschen, die aus einem ihnen vertrauten Kulturkreis in einen anderen kommen, aber mindestens ebenso für die, die den Ankömmlingen in ihrer vertrauten Welt begegnen, ist das eine elementare Frage. Leben und Glauben sind da eins: Weise mir Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit, erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte (Psalm 86.11). Gott, es erheben sich die Stolzen gegen mich, eine Horde von Gewalttätern trachten mir nach dem Leben und haben dich nicht vor Augen. Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Treue (Psalm 86.15-16a). In diesen Worten des 86. Psalms ist die ganze Wirklichkeit, da geht es um Leben und Tod, da wird der letzte Anker geworfen, den wir Menschen haben. Zu Beginn des Stückes sind wir auf hoher See mit Mühlenberg und seinen Mitreisenden. Es stirbt unter den Strapazen der Reise die Frau eines sächsischen Tischlers. Nach der Ankunft droht der Tischler, ohnehin verzweifelt über den Verlust seiner Frau, samt seinen Kindern in die Sklaverei zu geraten, weil seine Frau das Geld für die Überfahrt am Körper getragen hat und er beim Verlassen des Schiffes nicht zahlen kann. Mühlenbergs Einschreiten und eine Kette glücklicher Umstände verhelfen ihm zur Flucht ins Landesinnere. Wir bekommen sofort ein Gefühl dafür, dass Menschen in dieser Lage nichts mit Sicherheit in der Hand haben, alles auf Hoffnung steht und fast immer unvorhersehbar ist. Heinrich Melchior Mühlenberg erleben wir als Pfarrer, der Wolfgang Borcherts Worte sprechen könnte:„Ich möchte Leuchtturm sein in Nacht und Wind – für Dorsch und Stint, für jedes Boot, und bin doch selbst ein Schiff in Not.“

An Land erwarten ihn chaotische Verhältnisse, Kolonialkriege zwischen den Engländern, den Franzosen und weiter südlich den Spaniern, Platzhalterkämpfe zwischen europäischen Kirchen und Glaubensgemeinschaften, und das alles auf dem Stammesgebiet der Delawaren und anderer Ureinwohner des Landes, selbsternannte christliche Hassprediger ohne kirchliche Legitimation und mit rassistischen Botschaften, so als könne man im Namen Gottes die Indianer vertreiben und ausrotten wie in den Landnahmekämpfen im biblischen Buch Josua. Der sich „Prinz“ nennende Prediger verkörpert in Olaf Hörbes Stück wie schon in Eberhard Görners Roman diesen Typus, der sich selbst entlarvt als ein Trittbrettfahrer der Religion ohne Gottesfurcht und Menschenliebe und zu Mühlenberg in einem Widerspruch auf Leben und Tod. Im fernen Mitteleuropa galt ja seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 der Grundsatz „cuius regio, eius religio“, wonach die Konfession der jeweiligen Landesherrschaft diejenige der Untertanen bestimmt. Und nachdem der Westfälische Frieden 1648 den dreißigjährigen blutigen Machtkampf im Namen der Religion beendet hatte, galten drei christliche Konfessionen als in diesem Sinne gleichberechtigt: die römisch-katholische, die lutherische und die reformierte. In Pennsylvania hatte der aus England vor der Verfolgung durch die anglikanische Kirche geflohene William Penn, nachdem der heutige Bundesstaat benannt ist, eine andere Ordnung etabliert: Der religiöse Bereich ist vom politischen und weltlichen strikt getrennt, so dass auch für Penns Quäker ein Lebensraum entstehen konnte, wie es ihn im damaligen England nicht gab. William Penn starb 1711, also im gleichen Jahr, in dem Heinrich Melchior Mühlenberg in Einbeck zur Welt kam. Als Mühlenberg drei Jahre alt ist, wird sein Landesherr und lutherischer Kurfürst als Georg I. englischer König und damit Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Unterschiedlicher konnten die Verhältnisse überhaupt nicht sein, die Mühlenberg in Pennsylvannia antraf, als er Anfang seiner dreißiger Jahre dort hin kam, studiert, ordiniert, aber abgesehen von zwei Jahren als Pfarrer in Großhennersdorf ohne jede Erfahrung. Schon allein sich selbst zurechtzufinden war schwer, ganz zu schweigen von der Aufgabe, Ordnung in die völlig unübersichtlichen Verhältnisse zu bringen und andere Menschen in einem geistlichen Sinne zu führen. Auf sich allein gestellt und auf Gott zurückgeworfen – so muss er sich bei seiner Ankunft gefühlt haben: „Weise mir, Herr, deinen Weg“ (Psalm 86.11). Vielleicht ist es sein großes Glück und seine Rettung, dass ihn Anna-Maria, die Tochter des Friedensrichters Conrad Weiser, eines Tages nach dem Gottesdienst anspricht: „Ich habe sie predigen hören…. Wollen Sie mich heiraten? Sie müssen mir nicht antworten, aber mein Ja gehört Ihnen. Sie können es sich holen, wann sie wollen.“ Bei der Hochzeit in Amerika erklingt auf der Bühne „Wie lieblich ist der Maien“, ein Choral aus Lauban in der Lausitz.

Chor:

M.Behm, J.Steurlein, Wie lieblich ist der Maien (EG 501)

C.Becker, H. Schütz; Ich will, solang ich lebe (auch EG 279)

Die zuletzt verklungene Musik war eine Komposition von Heinrich Schütz aus dem Kriegsjahr 1628, nach dem 34. Psalm, in dessen Vers 5 es heißt: „Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller Furcht.“, und in Vers 18: „Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr, und errettet sie aus all ihrer Not.“

Der Glaube in der Wirklichkeit der Welt, so hören wir, ist mit Angst verbunden und mit dem Schrei der Ausweglosigkeit. Vor allem aber mit dem Bemühen, das Leben eines „Zadik“ zu führen, eines Gerechten, was der Psalm so versteht, dass man sich nicht nur vom Bösen fernhält, sondern aktiv für das Gute wirkt: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes, suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34.15).

Vielleicht hat Mühlenberg in der neuen Welt mit seinem Schwiegervater Conrad Weiser einen Gerechten gefunden, der ihm auch selbst geholfen hat, der Versuchung des Bösen zu widerstehen und trotz aller Schwierigkeiten nach Frieden zu streben. Der aus Schwaben stammende Weiser wird am Ende des Stückes beerdigt. Kurz vor seinem Tod befragen ihn die beiden Personen, die Olaf Hörbe mit einem sehr geschickten Kunstgriff zwischen die Akteure der Handlung und das Publikum stellt, ob die Bemühungen um Frieden denn etwas erbracht hätten. „Es gibt wieder Hoffnung auf ein gutes Zusammenleben.“, antwortet Weiser darauf, und auf die Frage, ob das nicht etwas mager sei, antwortet er: „Es ist unendlich viel“. Glaube ist in der Wirklichkeit der Welt Kraftquelle und Schwerstarbeit zugleich, und Hoffnung erscheint in der brutalen Wirklichkeit der Welt vielen etwas mager, ist aber in Wahrheit „unendlich viel“. Das gehört zu den Dingen, die aus diesem Projekt mit mir mitgehen werden und die ich auch Ihnen ans Herz legen möchte. Mühlenberg sagt im Stück bei der Beerdigung seines Schwiegervaters: „Heute, am 13. Juli 1760 tragen wir einen großen Mann unseres Landes zu Grabe. Er war ein großer Freund der Indianer und ein geachteter Vermittler zwischen ihnen und uns. Wir verabschieden uns von Conrad Weiser. Auf seinem Schreibtisch fand ich die Bibel, aufgeschlagen, und konnte lesen: ‚Weil wir nun solche Hoffnung haben, sind wir voll großer Zuversicht’ und: ‚Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.’ Was für eine Botschaft der Hoffnung gibt Conrad Weiser uns Hinterbliebenen mit auf den Weg. Die Indianer können uns wertvolle Freunde werden, wenn wir sie nicht weiter als Feinde verunglimpfen. Sie sind wie wir Geschöpfe Gottes! Es ist ihr Land, das sie uns verkauft haben, um darauf unsere Kirche zu bauen. Und am Ende der Tage wird es wie bei Jesaja heißen: ‚ ... Das Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge. ... Zu ihm strömen alle Völker. ... Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, ...’ Amen!“ So etwas sagen zu können, auf so etwas hoffen zu können – oft genug gegen den Augenschein und immer im Ringen mit der Resignation – das schenkt einem gerade so viel Kraft, wie es einem ständig abverlangt, und Mühlenberg erfährt im Laufe der Handlung und seines Lebens, dass er das nicht alleine kann. Er braucht für die Hoffnung den Glauben und die Liebe, er braucht sein Gottvertrauen und – genauso nötig – die Liebe seiner Frau Anna Maria, geborene Weiser. Sie wird im Laufe der Vorstellung immer präsenter, sie holt ihren Mann immer wieder in die Wirklichkeit. sei es mit ihrer Heiterkeit und Lebensklugheit, sei es mit ihrem Widerspruch – sie „erdet“ ihn und seinen Glauben in der Wirklichkeit der Welt und wird schon in Eberhard Görners Roman zu Mühlenbergs Heldin, ohne die er nicht geschafft hätte, was er geschafft hat. Sie ist es, die ihn zu der Einsicht führt, dass er von den alten Autoritäten nichts mehr zu erwarten hat, aus deren Welt er kommt. Dass es die Zukunft ist, die Zukunft in Amerika, die den ganzen Mann braucht. Das zu begreifen ist schwer und auch schmerzhaft für Mühlenberg. Anna Maria macht es ihm möglich.

Als Lieblingslied von Conrad Weiser wird im Stück der Choral „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ genannt und dann auch gesungen bei seiner Beerdigung. Auch dieser Choral aus der Feder von Michael Franck stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Vielleicht liebte ihn Conrad Weiser, weil die Erinnerung an unsere Sterblichkeit allen Machtgelüsten und allen Wünschen nach Selbstdurchsetzung eine heilsame und realistische Grenze setzt. In den wenigen Jahrzehnten unseres Lebens Gutes zu tun und nach Frieden zu streben, war für Conrad Weiser offenbar die Konsequenz aus den Grenzen, in denen er sein Leben gesehen hat und die er aus Gottes Händen annehmen konnte. Auch das gehört zum „Glauben in der Wirklichkeit der Welt“: Dass wir uns nicht absolut setzen, dass wir loslassen und Gott Gott sein lassen können. Wir hören den Choral in einem Satz von Johann Sebastian Bach.

Chor:

M.Franck, J.S.Bach; Ach wie flüchtig

F.M.Bartholdy, Psalm 100

Nun jauchzt dem Herren, alle Welt“, heißt es im 100. Psalm (Psalm 100.1), den wir gerade gehört haben in der Vertonung von Felix Mendelssohn-Bartholdy, mit der wir nun jenseits der Zeit angekommen sind, in der die Handlung spielt, ohne den eine Reise durch die protestantische Kirchenmusik seit der Reformation aber unvollständig wäre. Der Text des 100. Psalms feiert die Zugehörigkeit zu Gott in Demut und dankbarer Freude, ohne Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit, eher in einer staunenden als in einer auf vermeintliche Ansprüche pochenden Haltung. „Gott hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide“ (Psalm 100.3). Der Glaube in der Wirklichkeit der Welt wird, so empfinde ich ihn, immer in Demut und Dankbarkeit leben. Er wird sich  im 21. Jahrhundert mehr denn je allen Überlegenheitsphantasien und aller Übergriffigkeit enthalten müssen, wenn die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander, die Conrad Weiser „unendlich viel“ genannt hat, nicht vollends zerstört werden soll. Der Indianerhäuptling Fliegender Pfeil, den Eberhard Görner in seinen Roman eingefügt hat, steht auch im Stück für diese Hoffnung, für ihre Kraft und ihre Zerbrechlichkeit. Er steht für die Tragödie der nordamerikanischen Ureinwohner, deren Kultur von den christlichen Einwandern zerstört worden ist: Benjamin Franklin, Mühlenbergs Freund und später einer der Mitbegründer der Verfassung der Vereinigten Staaten, berichtet von der Begegnung der christlichen Missionare mit den Indianern: Die Missionare, welche immer wieder versucht hatten, die Indianer zum Christentum zu bekehren, beklagten dass diese Manieren ihre Arbeit massiv behinderten. Die Indianer hörten mit großer Geduld die Wahrheiten des Evangeliums an, wie diese von den eifrigen Missionaren vorgetragen wurden. Die Indianern überreichten auch hinterher ihre üblichen Geschenke der Akzeptanz und Zustimmung. Dadurch glaubte man, die „Wildenseien erfolgreich konvertiert. Leider war nichts dergleichen der Fall. Die Indianer wollten sich nur höflich zeigen. Einst predigte ein schwedischer Pfarrer den Häuptlingen der Susquehannock-Indianern über die Fundamente des christlichen Glaubens; er erzählte ihnen die in der Historie gegründeten Prinzipien unserer Religion, z.B. vom Sündenfall durch den Apfelbiss, von der Geburt Christi und seinen Leiden um unserer Sünden Willen, von seinen großen Wundertaten etc. Als er damit fertig war, stand ein indianischer Sprecher auf und dankte für den Vortrag. Was ihr uns sagt, fuhr er fort, ist alles sehr gut. Es ist tatsächlich eine böse Tat, Äpfel zu essen. Es wäre viel besser, aus ihnen Apfelwein zu machen. Wir sind euch zutiefst verpflichtet, da ihr den ganzen Weg auf euch genommen habt und hergekommen seid, um uns diese Geschichten eurer Mütter zu erzählen. Als Gegenleistung werde ich euch eine Geschichte unserer Mütter erzählen: Am Anfang hatten unsere Väter nur das Fleisch der Tiere, von dem sie sich ernähren konnten. Wenn sie ohne Beute von der Jagd nach Hause kamen, musste das Volk hungern. In dieser Zeit hatten zwei unserer jungen Jäger ein Reh erlegt; sie zündeten im Wald ein Feuer, um einen Teil des Fleisches gleich an Ort und Stelle zu kochen. Just als sie ihren Hunger stillen wollten, sahen sie eine wunderschöne, junge Frau aus den Wolken steigen, die sich dann auf jenen Hügel – dort drüben könnt ihr ihn bei den Blauen Bergen sehen – niedersetzte. Die Männer sagten zueinander: das ist vielleicht ein Geist, der das kochende Fleisch gerochen hat und nun etwas davon haben möchte. Lass uns der Frau etwas geben. Also gaben sie ihr die Zunge des Rehs, und das Fleisch gefiel ihr so sehr, dass sie sagte: eure Freundlichkeit will ich euch belohnen. Kommt nach dreizehn Monden wieder an diesen Ort, und er werdet etwas finden, das euch eine große Hilfe in der Ernährung eurer Kinder bis in die letzten Generationen sein wird. Das taten die Männer, und zu ihrer großen Überraschung fanden sie Pflanzen, die sie nie zuvor gesehen hatten – diese werden nun seit Urzeiten von unserem Volk kultiviert. Wo die rechte Hand der Frau die Erde berührte, wuchs Mais; wo ihre linke Hand sie berührte, wuchsen Bohnen; und wo ihr Rücken geruht hatte, fanden die Männer Tabak. Der gute Missionar – empört nach dieser Erzählung – sagte: Was ich euch überlieferte waren heilige Wahrheiten; was ihr mir erzählt sind Ammenmärchen, Gespenstergeschichten und Unwahrheiten. Der Indianer, beleidigt, antwortete: Mein Bruder, mir scheint eure Freunde haben euch in eurer Erziehung ein großes Unrecht getan, denn sie haben euch nicht in die einfachen Regeln der Höflichkeit eingewiesen. Ihr habt gesehen dass wir – die diese Regeln verstehen und praktizieren – eure Geschichten gehört und ihnen geglaubt haben. Warum wollt ihr unseren Geschichten nicht glauben?

Sie finden den ganzen Text auch im Programmheft.

In der Revision der Lutherbibel von 2017 heißt es am Ende des Matthäus-Evangeliums nicht mehr, wenn der auferstandene Christus seine Jünger in die Welt schickt: „Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker“ (Matthäus 28.19), was in der Geschichte der christlichen Mission und des europäischen Kolonialismus immer missverstanden worden im Sinne von: Erobert die Welt und macht alle zu euresgleichen. Statt dessen heißt es nun: „Gehet hin und lehret alle Völker“, so wie es auch im griechischen Text steht. Lehren aber heißt zuhören, fähig sein zur Begegnung und zu der Erfahrung, dass der auch selbst immer etwas lernt, der ein guter Lehrer ist.

Ich kann Ihnen eine eigene Begegnung erzählen mit einem Navajo-Indianer in Nordamerika. Er hatte für mich Fisch gebraten und machte eine Geste, die einer Verneigung ähnlich war, als er die Fische auf unsere Teller legte. Ich sprach ihn darauf an, und er erklärte mir den Ritus des „Tabak Gebens“: Wir müssen nach der Überzeugung der Navajo um Vergebung bitten und zugleich danken, eben „Tabak geben“, wenn wir aus der Natur oder aus dem leben, dem Wesen oder dem Geist eines anderen etwas für uns nehmen. Die Navajo denken m Lebensrhythmus von Nehmen, Danken und Geben. Wir empfangen unser Leben und alles, was wir dafür brauchen, wir antworten darauf in Dankbarkeit, und wir geben das Empfangene weiter. Er erzählte mir von diesem Glauben seiner Mütter und Väter, den er auch für sich selbst zu bewahren versuchte. Und ich hatte ein „Aha-Erlebnis“, meinen eigenen Glauben betreffend: Unzählige Male schon hatte ich die Worte gesprochen oder gesungen, die in der Abendmahlliturgie in der Herzmitte meiner eigenen Religion stehen: „Christus nahm das Brot, dankte und gab es ihnen“. Nehmen, danken und geben – wie bei den Navajo-Indianern! Für mich war das eine Offenbarung: Wir tragen nicht nur alle das Bild des gleichen Schöpfers, wir haben auch Teil an dem gleichen Geist, in verschiedenen Sprachen! und natürlich erzählte ich meinem Gastgeber von meinem Glauben, und wir gaben beide reichlich Tabak, mit Dosenbier und Pfeife rauchend. Nehmen, danken und geben – nur so können wir uns als Glaubende in der Wirklichkeit der Welt begegnen, auch wenn wir in unterschiedlichen Kulturen und Religionen leben. Denn dass die Wahrheit Gottes und alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis in Christus verborgen sind, wie es im Kolosserbrief heißt – das bedeutet eben „verborgen“ und kann von mir nicht so verstanden werden, dass ich im Besitz der Wahrheit wäre. Wenn wir das vergessen, als Menschen unter Gott, dann zerstören wir das Ebenbild Gottes in den anderen Menschen und den Frieden. Und es ist leider wahr, dass Christen zu dieser Zerstörung des Friedens oft sehr viel beigetragen haben und die Demut vor Gott dadurch verlassen haben, dass sie ihre eigenen Machtansprüche an deren Stelle gesetzt und Gott dafür benutzt haben, sie durchzusetzen. Insofern ist der Häuptling Fliegender Pfeil eine wichtige Hinzufügung, über das historisch Verbürgte hinaus, in dem Stück, auf das wir heute miteinander geblickt haben. In seinen Worten finde ich meine eigene Traurigkeit, und aus dieser Traurigkeit heraus habe ich den Wunsch, dass wir es besser machen in der Wirklichkeit unserer Welt.

Richard David Precht hat in einem Interview die Liedzeile „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ für mich in ein neues Licht gerückt, ganz im Sinne von: Willkommen in der Wirklichkeit. Damit möchte ich schließen, denn „In Gottes eigenem Land“ erscheint mir als ein Stück über den Glauben in der Wirklichkeit der Welt. Precht sagte damals:

„Ich habe mich viel mit der Digitalisierung der Gesellschaft beschäftigt. In zwanzig Jahren werden wir in einer Welt leben, in der morgens die Tapete mit uns spricht, wo rund um die Uhr kleine Maschinen sämtliche Funktionen unseres Körpers überwachen, vom Blutdruck bis zum Hormonpegel, und uns dann sagen, was wir zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend essen sollen – und was wir gefälligst zu kaufen haben. Wir werden in einer Daten-Cloud leben, bis hinein in intimste Bereiche. Und wir werden uns schon bald in einer komplett virtuellen Komfortzone wiederfinden, einer Wohlfühlmatrix mit einer Datengouvernante an unserer Seite, die sich um alles kümmert und uns zu kleinen Kindern degradiert. Tatsächlich scheinen wir heute bereit zu sein, diesen Weg zu gehen, auch wenn er das Ende unserer schwer erkämpften Freiheit als autonome Individuen bedeuten würde?.? Die Menschen, die aus der Welt zu uns kommen, haben echte Nöte und echte Sorgen. Sie fühlen sich nicht von Giftstoffen in Lebensmitteln bedroht, sondern leiden Hunger. Sie klagen nicht über mangelnde Fitness, sondern werden von Verfolgung, Terror, Krieg gepeinigt – und das nicht in einem Computerspiel, sondern in echt. Diese Konfrontation mit der Wirklichkeit kann uns vielleicht ein wenig davor bewahren, in ein seltsam virtuelles Leben abzudriften. ‚Willkommen im Leben!’, rufen uns die Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan zu. Auf jeden Fall sind Flüchtlinge das absolute Gegenteil der schönen neuen Welt, die so unschön und unerfreulich für uns werden könnte. Vielleicht sind sie genau das, was wir jetzt brauchen. Dafür hätten die zu uns kommenden Menschen dann auch unseren Dank verdient.“

Für mein Vertrauen in der Wirklichkeit der Welt bedeutet es mir sehr viel, mein Leben an jedem Abend in Gottes Hand zu legen, so wie ich es auch am Ende hoffe tun zu können. Wir hören eine Bitte um Gottes Segen und das Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“.

Chor:

P. Strauch, M. Leidenberger; Herr, wir bitten komm und segne uns (auch SvH 064)

P.Gerhardt, B.Gesius; Nun ruhen alle Wälder (EG 477)

Zum Schluss möchte ich mit Ihnen als „community singers“ zwei Strophen von Matthias Claudius singen, zur Erinnerung an das Erbe der Reformation, dass jeder Mensch seine eigene Stimme haben und sich mit ihr auch einbringen soll. Ich danke Ihnen, dass Sie so lange zugehört haben und schlage vor, nach dem langen Sitzen aufzustehen. Die beiden Strophen lauten:

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt. (EG 428.1-2)